Sr. Wilfride

Mein Vater hatte nichts dagegen, dass ich Vinzentinerin werden wollte. Er hatte nichts dagegen. Es war ihm egal. Ich kann mich noch erinnern, dass ich früher als meine Mutter noch lebte, zu ihr gesagt habe, dass ich Schwester werden will. Und da hat sie gesagt: „Die können dich gar nicht brauchen.“

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Peter und der Bruder von meiner Schwägerin wurden sofort eingezogen und kam an die Front. Ein paar Tage darauf waren sie tot. Furchtbar. Da haben sie ihr Leben hingegeben für die verrückte Idee. Das hat mich zutiefst bewegt. Den Peter … Den hätte ich eventuell … Auf den Jungen war ich ein bisschen doll drauf – wie man damals so sagte. Aber der Peter ist gestorben.

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Ich wusste vorher weder etwas von Vinzenz noch von den Vinzentinerinnen. Ich hatte nicht viel Ahnung. Ehrlich gesagt, erst als ich in die Genossenschaft eintrat … Ich kam zwar aus einer gut katholischen Familie, wie es so schön heißt, aber wir haben nicht viel gewusst vom Evangelium oder vom Alten und Neuen Testament. Als ich mich angemeldet habe, hat der Schwesterndirektor den Kopf über meine Unwissenheit geschüttelt. Über meine religiöse Unwissenheit.

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Die Ideologie vom Hl. Vinzenz, das ist die Nächstenliebe. Das ist die Liebe zum Menschen. Das ist das Sehen, wo und wie der andere dasteht. Wo ist dessen Leid? Wo muss ich ihm helfen? Es ist nämlich unterschiedlich, wo die Menschen leiden.

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Ich habe im Kino den Film vom Hl. Vinzenz gesehen. Da war ich so beeindruckt von dieser Ideologie des Hl. Vinzenz, dass ich danach gedacht habe, „Das ist das, was du machen musst!“ Danach habe ich gesagt: “Heiliger Vinzenz, ich komme dir helfen!“

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Kirche – ich hatte keine Ahnung von dem Zeug! Nur mit der Nächstenliebe – das habe ich direkt begriffen.

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Das war eine sehr schöne Zeit in Speicher (1971 – 1990), da habe ich Jungen und Mädchen gemeinsam betreut. So haben sich die Zeiten und die Betreuung geändert. Ich habe bis heute Kontakt mit meinen damaligen Mitarbeitern. Die waren vor kurzem noch hier und haben mich besucht. Und auch von unseren ehemaligen Schützlingen stehe ich noch mit einigen in Kontakt. Manche Schicksale waren besonders schlimm andere schön.

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Ich möchte zukünftigen Mitarbeitern mit auf den Weg geben, dass sie mehr von sich weg und mehr zum anderen hinschauen mögen. Wir waren in der Beziehung anders als die Menschen heute. Wir haben uns mehr eingesetzt. Vielleicht auch manchmal zu viel. Vielleicht … Bei uns war es so, dass wir ganz in der Arbeit aufgegangen sind. Ich denke, das ist der große Unterschied.

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Den Kindern brauchte ich keine Nächstenliebe beibringen. Den Kindern musste ich Nächstenliebe geben! Ich musste versuchen, den Kindern eine Art Heimat zu geben. Ein Ort, wo sie in Ruhe leben konnten. Wo es ihnen gefiel, wo sie – im besten Fall – Heimatgefühle bekamen. Mir war es wichtig, dass es ihnen gut ging und dass sie erkannten, dass man ihnen Gutes tun wollte. Und dass sie erkannten und spürten, dass sie bei uns angenommen waren.

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Interview mit Sr. Wilfride

Wann und wo wurden Sie geboren?
Ich bin 05. April 1927 in Stammheim im Schloss zur Welt gekommen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich blaues Blut habe. Die Angestellten von der Firma Klöckner, Humbert, Deutz, die haben damals einen Trakt von diesem Schloss bewohnt. Mein Vater war bei dieser Firma als Ingenieur angestellt und deshalb hat unsere Familie dort gewohnt. Das Schloss existiert leider nicht mehr. Es ist den Bomben zum Opfer gefallen.

Wie war Ihre Kindheit?
Meine Kindheit ist an sich glücklich verlaufen. Ich war zum Teil in Stammheim. Später sind wir umgezogen in die Stadt, nach Köln-Deutz, weil meinem Vater der Weg zur Arbeit zu weit war. Dann kam die Hitler- und die Kriegszeit. Eine schlimme Zeit. Eine schwierige Zeit.

Danach habe ich meine Lehre gemacht als technische Zeichnerin. Diese habe ich auch abgeschlossen. Jedoch habe ich mich später umentschieden, weil ich ganz nah bei den Menschen sein wollte. Ich habe im Kino den Film vom Hl. Vinzenz gesehen. Da war ich so beeindruckt von dieser Ideologie des Hl. Vinzenz, dass ich danach gedacht habe, „Das ist das, was du machen musst!“.

Das heißt, ein Film war der Ausschlag dafür, dass Sie Schwester geworden sind?
Ja, das nehme ich an. Der Film hat mich sehr beeindruckt.
„Monsieur Vinzenz“ – ein französischer Film.

Wo haben Sie den Film gesehen?
Hier, in Köln, im Kino.

Das heißt, Sie waren schon technische Zeichnerin, sind dann ins Kino gegangen und haben den Film über Vinzenz gesehen?
Ja! Ich war so dermaßen beeindruckt von der Ideologie. Danach habe ich gesagt: „Heiliger Vinzenz, ich komme dir helfen!“. Daraufhin habe ich mich an die Vinzentinerinnen gewandt und darum gebeten, dass man mich aufnimmt. Und so bin ich 1949 eingetreten.

Dort habe ich eine weitere Ausbildung zur Kindergärtnerin und Hortnerin gemacht. Später habe ich in Alf an der Mosel in einem Kindergarten gearbeitet. 5 Jahre lang. Dann war ich weitere 7 Jahre in Euskirchen im Kinderheim. Es war schön, mit den Kindern zu arbeiten. Ich habe dafür gesorgt, dass sie in der Schule gut vorankamen und dass sie gut lernten. Wir haben viel musiziert. Wir haben viel zusammen gesungen. Die Kinder haben Blockflöte und Gitarre spielen gelernt. Wir hatten auch einen wunderbaren Chor. Darüber hinaus haben wir viel Theater gespielt.

Ich muss noch einmal zurückkommen auf den Punkt, als Sie sagten, dass Sie sich durch die Ideologie von Vinzenz so angesprochen gefühlt haben. Was genau hat Sie da so angesprochen?
Die Ideologie vom Hl. Vinzenz, das ist die Nächstenliebe. Das ist die Liebe zum Menschen. Das ist das Sehen, wo und wie der andere dasteht. Wo ist dessen Leid? Wo muss ich ihm helfen? Es ist nämlich unterschiedlich, wo die Menschen leiden.

Und das hat Sie in dem Film so beeindruckt?
Ja! Ich kam weinend aus dem Kino. Dabei war ich gar nicht der Typ, der schnell weint. Aber ja, ich kam weinend aus dem Film heraus. Dann hat meine Begleiterin, die mit mir im Kino war, zu mir gesagt: „Ich glaube, du hast sie nicht mehr alle!“. Sie war die Führerin vom Heliand.

Was ist der Heliant?
Ich weiß gar nicht, ob das heute noch existiert. Das war damals eine Jugendbewegung – eine Art Jugendorganisation für studierende Mädchen oder so ähnlich. Aber eingetreten bin ich schon als Schulkind.

Das heißt, bis dahin kannten Sie die Vinzentinerinnen noch gar nicht? Und dann hatte dieser Film diese enorme Wirkung auf Sie…
Ja, erstens haben mir die Leute furchtbar leidgetan, die da gezeigt wurden. Die Krüppel. Die Lahmen. Die Gefängnisinsassen. Die Menschen, die in den Krankenhäusern lagen – die haben mir alle dermaßen leidgetan, dass ich mir gedacht habe, „Du musst dem Vinzenz helfen!“. Ich wusste zu dem Zeitpunkt gar nicht, dass er bereits tot war. Ich habe gemeint, er würde noch leben. Ich wusste vorher weder etwas von Vinzenz noch von den Vinzentinerinnen. Ich hatte nicht viel Ahnung. Ehrlich gesagt, erst als ich in die Genossenschaft eintrat… Ich kam zwar aus einer gut katholischen Familie, wie es so schön heißt, aber wir haben nicht viel gewusst vom Evangelium oder vom Alten und Neuen Testament. Wir haben da nicht viel drin gelesen. Das kann man nicht sagen. Als ich mich anmeldete, hat der Schwesterndirektor den Kopf über meine Unwissenheit geschüttelt. Über meine religiöse Unwissenheit.

Nach Ihrem Entschluss, Vinzenz zu helfen – haben Sie sich dann informiert, wo die Vinzentinerinnen sind?
Ich wusste, dass die Vinzentinerinnen in Brück waren. Dort habe ich mich an die Oberin gewandt. Ich habe sie gefragt, wie ich beitreten kann. Dann hat sie gesagt: „Wir können ja mal für Sie nachhören“ und dann nahmen die Dinge ihren Lauf.

Wie lange hat es vom besagten Kinoabend bis zu Ihrer Anfrage bei den Vinzentinerinnen gedauert?
Ja. Wie war das noch… Ich weiß noch, dass ich mich bei der Generaloberin vorstellen musste – Schwester Lucia geb. Santa, das war noch eine Adelige. Die kam noch von hohem Rang. Ja, die Frau war – das muss man schon
sagen – beeindruckend. Ich muss gestehen, dass sie mich irgendwie in ihren Bann gezogen hat. Dann hieß es, dass sie sich das mit meiner Anfrage erst noch einmal überlegen wollten. Klar, mussten sie ja auch. Die haben mich erstmal beguckt und mit dem Kopf geschüttelt.

Haben Sie noch Geschwister?
Ja, ich habe einen Bruder und eine Schwester. Die waren älter als ich. Mein Bruder und meine Schwester waren damals schon beide verheiratet und hatten auch schon Kinder.

Was haben Ihre Eltern gesagt, als Sie ihnen mitgeteilt haben, dass Sie Vinzentinerin werden wollen?
Meine Mutter war bereits verstorben. Mein Vater lebte allein mit mir. Wir waren damals – wie soll ich das sagen – bombengeschädigt. Wir hatten alles verloren und sind nach Brück gekommen. Dann hat meine Mutter eine schwere Erkältung bekommen. Sie hat sich hingelegt und ist nicht mehr aufgestanden. Sie ist gestorben. Im Nachhinein hieß es, dass nicht die Erkältung der Grund war, sondern dass sie an Herzschwäche gestorben ist. Aufgrund der schlechten Lage in der Nachkriegszeit hat sie keine Medikamente bekommen, die sie gebraucht hätte. Und so musste sie sterben.

Wie alt waren Sie da?
Das passierte 1958. Da war sie noch verhältnismäßig jung und ich auch. Da mussten mein Vater und ich gucken, wie wir fertig wurden.

Ja, und dann habe ich meinem Vater gesagt, dass ich Vinzentinerin werden will. Er hatte nichts dagegen. Es war ihm egal. Ich kann mich noch erinnern, dass ich früher als meine Mutter noch lebte, zu ihr gesagt habe, dass ich Schwester werden will. Und da hat sie gesagt: „Die können dich gar nicht gebrauchen.“

Hatten Sie denn ursprünglich mal den Wunsch, eine Familie zu haben und zu heiraten?
Eigentlich… In dem Sinne… Nicht. Dabei hatte ich sogar mal einen Freund, mit dem bin ich immer spazieren gegangen. Von Brück aus durch den Königsforst. Aber das da irgendwie was Näheres war oder der Wunsch, eine Familie zu gründen – nein. Der war einfach nicht da. Das lag aber vielleicht daran, weil – als die beiden Jungen – von meiner Schwägerin der Bruder und sein Freund Peter Abitur gemacht hatten, da wurden die beiden sofort eingezogen und kamen an die Front. Ein paar Tage darauf waren sie tot. Furchtbar. Da haben sie ihr Leben hingegeben für die verrückte Idee. Das hat mich zutiefst bewegt. Den Peter… Den hätte ich eventuell… Auf den Jungen war ich ein bisschen doll drauf – wie man damals so sagte. Aber der Peter ist gestorben.

Dann führte Ihr Weg Sie doch zu den Vinzentinerinnen und Sie haben Ihr Noviziat durchlaufen…
Ja, das war so eine Art Schulung. Die ganzen Jahre… Da wurde man geschult, mehr auf Religion und natürlich wurde man auch für die Idee des Hl. Vinzenz geschult. Das war gut. Man erhielt Kenntnisse über die Genossenschaft, die Mission und all das.

Kirche – ich hatte keine Ahnung von all dem ganzen Zeug!
Nur das mit der Nächstenliebe – das habe ich direkt begriffen.

Das war auch Ihre Motivation?
Ja, das war das Wichtigste!

Und dann hatten Sie Ihre Einsätze in den Kinderheimen…
Ja, später habe ich in Kinderheimen gearbeitet. In Euskirchen habe ich eine Mädchengruppe gehabt. Danach war ich 5 Jahre in Mönchengladbach-Hardt. Da hatte ich eine Jungengruppe. Danach bin ich versetzt worden nach Speicher. Da war ich 19 Jahre. Das war bis 1990.

Das war eine sehr schöne Zeit in Speicher, da habe ich Jungen und Mädchen gemeinsam betreut. So haben sich die Zeiten und die Betreuung geändert. Ich habe bis heute Kontakt mit meinen damaligen Mitarbeitern. Die waren vor kurzem noch hier und haben mich besucht. Und auch von unseren ehemaligen Schützlingen stehe ich noch mit einigen in Kontakt. Manche Schicksale waren besonders schlimm andere schön.

Was ist Ihnen da in Erinnerung geblieben?
Besonders schlimm war das Schicksal eines Geschwisterpaares. Ein Junge und ein Mädchen. Sie kamen zu uns, nachdem die Eltern tödlich verunglückt waren. Nach einiger Zeit meinte die Großmutter, dass sie sich der beiden annehmen wollte. Der Junge hat dann bei einem Bauern mit ausgeholfen und ist während der Arbeit ebenfalls tödlich verunglückt. Daraufhin war die Großmutter so fertig, dass sie das Mädchen wieder zu uns gebracht hat. Mit ihr stehe ich ebenfalls bis heute in Kontakt. Aus dem Mädchen von damals ist inzwischen auch eine alte Großmutter geworden. Aber besonders schön ist mir die Entwicklung eines Jungen in Erinnerung geblieben, der sich beruflich selbständig gemacht hat und später Bürgermeister geworden ist.

Haben Sie noch zu weiteren früheren Mitarbeitern oder Schützlingen Kontakt?
Ja. Zum Beispiel eine Frau, die als Erzieherin tätig war. Aber wir sagen auch, dass sich die Zeiten gewandelt haben. Die Erzieher sind heute ganz anders, die Kinder aber auch. Alles hat sich verändert. Ich habe mich auch verändert. Ich bin alt.

Bis 1990 sind Sie in Speicher gewesen. Wie ging es dann für Sie weiter?
Ja. Dann bin ich nach Köln ins Provinzhaus versetzt worden. Das lag daran, weil meine Gesundheit nicht mehr so in Ordnung war. Meine Aufgabe im Provinzhaus bestand dann darin, dort die alten Schwestern zu betreuen. Das war auch schön. Die habe ich begleitet, wenn sie zu Ärzten mussten oder ich habe sie zu anderen Terminen und Anlässen durch die Gegend gefahren.

Wie war das für Sie von den Kindern weg und stattdessen zu den Alten zu kommen?
Das war überhaupt kein Problem für mich. Wissen Sie, wir hatten in Speicher auch zwei alte Schwestern. Die haben wir so geliebt. Ich möchte fast sagen, dass ich die alten Schwestern im Provinzhaus genauso gernhatte. Wir haben uns dort viel zusammengesetzt. Ich habe ihnen vorgelesen oder zusammen gesungen. Das habe ich bis 2003 gemacht. Dann mussten die Schwestern alle umziehen. Bis dahin waren sie noch in einem Bereich des St. Vinzenzkrankenhauses untergebracht. Dann sind sie ins Provinzhaus gezogen. Dort sollten wir eigentlich
5 Jahre bleiben. Aber das hat nicht geklappt und so sind wir nach Bad Godesberg gezogen. Das ging bis 2017. Dann sind wir Alten aber nicht mehr allein fertig geworden und brauchten nun selbst Hilfe und so kamen wir in das Altenheim. Wir waren mit 10 Schwestern. Von den 10 Schwestern sind nur noch Schwester Febrania und ich übriggeblieben. Alle anderen sind bereits tot. Das tut einem leid, aber es ist nun mal so.

Wie erleben Sie das für sich, dass Sie immer weniger Schwestern sind? Was macht das mit Ihnen?
Hm… Was soll ich sagen? Man muss es nehmen, wie es ist. Es hat ja keinen Zweck, irgendetwas anderes zu denken. Es ist wie es ist! Auch zu dieser Entwicklung müssen wir „Ja“ sagen. Wir müssen es einfach akzeptieren. Es bleibt uns nichts anderes übrig. Es hat auch keinen Sinn, deshalb die Nase hängen zu lassen. Wir können jetzt nicht die ganze Zeit hier herumlaufen und weinen.

Es passiert heute schon, dass man als Ordensfrau nicht mehr wahrgenommen wird. Das passiert. Ich glaube aber, dass dahinter kein böser Wille steckt, sondern dass dahinter ein Unwissen und ein Unverständnis steckt. Denn – lieb und nett sind alle mit uns. Wir werden von den Mitarbeitern gut versorgt.

Sie sehen aber auch, dass Ihre Werke weiter fortbestehen. Irgendwann wird der Zeitpunkt kommen, an dem zukünftige Mitarbeiter die Schwestern gar nicht mehr kennenlernen werden. Es wird wohl noch den Namen „Vinzentinerinnen“ geben, aber in den Einrichtungen wird man keine Vinzentinerinnen mehr als Person antreffen. Was möchten Sie den Menschen, die Ihre Nachfolge antreten werden, mit auf den Weg geben?
Ich möchte zukünftigen Mitarbeitern mit auf den Weg geben, dass sie mehr von sich weg und mehr zum anderen hinschauen mögen.

Wir waren in der Beziehung anders als die Menschen heute. Wir haben uns mehr eingesetzt. Vielleicht auch manchmal zu viel. Vielleicht… Während die Leute heute nach Stunden arbeiten. Ich höre immer:„Wir haben heute so und so viele Stunden zu arbeiten und morgen haben wir frei“. Für mein Gefühl haben viele mehr das „frei“ im Kopf. Sie denken mehr an sich und an das „frei“. Bei uns war es so, dass wir ganz in der Arbeit aufgegangen sind. Ich denke, das ist der große Unterschied.

Der Fokus und die ganze Einstellung haben sich geändert. Was macht das mit Ihnen?
Das ist unterschiedlich. Es gibt Tage, da leide ich darunter. Und es gibt Tage, da denke ich „So ist das Leben, da ist nichts dran zu machen.“ Dann macht mir das gar nichts aus.

Gibt es ein Erlebnis, dass Sie in Ihrer Zeit als Vinzentinerin hatten und das Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben ist?
Da fällt mir etwas Lustiges ein. Wir hatten Visitation und der Direktor hat geschaut, wie die Kinder alle zur Schule gingen. Aber ein Junge blieb auf dem Platz stehen. Thomas hieß er. Dann hatte der Pater gesagt: „Hör mal, Kind. Warum stehst du da? Warum gehst du nicht in die Schule?“ Darauf sagte der Kleine ganz kess: „Nein, ich bin nämlich heute verlegt worden. Ich bin von oben zu der Schwester Wilfride auf die Etage verlegt worden. Und ich gehe erst morgen in die Schule.“ „Wieso bist du denn jetzt bei Schwester Wilfride?“ „Ich war bei Schwester Marie-Louise, aber jetzt bin ich bei Schwester Wilfride und bei der bleibe ich jetzt so lange bis mir hier was wächst.“ Dabei zeigte er auf seinen noch nicht vorhandenen Bart.

Und war das auch so?
Ja, Thomas ist – wie er so 16, 17 Jahre alt war, in ein Haus an der Mosel verlegt worden. Da befand sich ein großes Haus für Jungen. Dort ist er weiter beschult worden. Er hat wunderbare Bilder gemalt. Seine Bilder sind sogar in London ausgestellt worden. So großartig hat er malen können. Aber davon abgesehen, war er auch ein bisschen seltsam.

Ist er denn Künstler geworden?
Ich weiß, dass er jetzt allein lebt und dass er malt, was immer er will. Aber nicht, was er soll. Aber so hat er es immer gemacht. Der hat immer gemacht, was er wollte. Zudem ist er Maler und Anstreicher, aber am liebsten sitzt er da und malt. Er malt, was immer er sieht: Bäume und Häuser, Kirchen… Und wirklich schön!

Haben Sie denn auch noch Kontakt mit anderen Schützlingen?
Ja. Mit einigen. Die kommen mich heute noch besuchen. Viele von ihnen sind heute auch schon Großeltern.

Hatten Sie denn auch nach Ihrem Eintritt noch regelmäßigen Kontakt mit Ihrer eigenen Familie?
Ja, sicher! Meine Familie kommt mich bis heute hier regelmäßig besuchen. Und auch die neuen Familienmitglieder werden mir immer vorgestellt. Mein Bruder und meine Schwester sind inzwischen beide verstorben. Mein Bruder ist leider schon sehr lange tot. Er ist mit nur 60 Jahren einem Herzinfarkt erlegen. Meine Schwester ist erst vor ein paar Jahren gestorben. Die ist mit 80 Jahren auf einmal dement geworden. Vorher war sie noch vollkommen klar. Trotz der Erkrankung ist sie 96 oder 97 Jahre alt geworden. Und ihre Töchter kommen noch immer zu mir. Mein Neffe sagt immer zu mir: „Die meinen immer, du wärst ihre Mutter.“

Lebt Ihre Familie noch in Köln?
Meine Familie lebt zum Teil in Köln, zum Teil in Mönchengladbach, zum Teil in Refrath und im Allgäu. Mein Bruder hatte vier Söhne. Der Älteste wohnt in Mönchengladbach, der Zweite im Allgäu, der Dritte in Refrath und der Jüngste im Bergischen Land. Also, bis auf den einen im Allgäu sind alle in der Nähe. Sie rufen an und schreiben oder auf einmal stehen sie auf der Matte. Sie sagen mir immer wieder: „Du bist wichtig für uns. Du bist nun das älteste Mitglied unserer Familie.“

Apropos Familie… Können Sie sich noch daran erinnern, wie es war, als Sie das erste Mal im Mutterhaus der Vinzentinerinnen in Paris waren?
Oh ja! Das war… Wie soll ich das sagen? Wir waren etwas gehemmt, weil die Art und Weise der französischen Schwestern doch etwas anders ist wie die von uns. Wir konnten auch kaum Französisch und hatten Schwierigkeiten, uns zu verständigen. Aber das hat sich nachher gegeben.

Ja, und dann war das ein großes Erlebnis, in der Rue de Bac zu sein. In der Erscheinungskapelle zu sein, hat mich tief beeindruckt. Man muss ja bedenken, dass wir noch sehr jung waren. Mir war zunächst nicht klar, ob ich das, was uns da erzählt wurde, anerkennen und glauben sollte oder nicht. Und wie wir aber dann die Liebe spürten, die Liebe, die die Schwestern zu ihren Heiligtümern hatten, da hat sich das auf uns übertragen. Das war so eindrücklich, dass wir gar nicht mehr anders konnten als das mitzutragen, was die Schwester da trugen.

Inwieweit würden Sie sagen sind die französischen Schwestern anders gewesen? Was hat Sie unterschieden?
Erstens mal waren wir Deutsche. Die französischen Schwestern hatten unter der deutschen Besatzung sehr schlechte Erfahrung gemacht. Aus diesem Grunde haben sie uns etwas schief angeguckt, sagen wir mal. Das war so. Manche Schwestern haben sehr unter den Deutschen gelitten. Mir persönlich war ihr Verhalten egal. Aber es sind tatsächlich schlimme Sachen geschehen, z.B. sagte eine Schwester: „Mein Bruder ist von euren Soldaten einfach erschossen worden.“ Das ist furchtbar. Aber wir konnten in dem Sinne ja nichts dafür. Wir sind keine Nazis gewesen. Waren wir nie!

Und Sie beide einte ja, dass Sie Vinzentinerinnen sind…
Das ist eine komische Sache. Da erzählte mir die Schwester Alma von ihrem Bruder. Die lebten im Elsass. Mal waren sie deutsch, mal waren sie französisch. Dies führte dazu, dass ihr Buder ins französische Gefängnis kam. Daraufhin hat sich Schwester Alma für ihren Bruder eingesetzt und hat sich an einen Pater gewandt und ihn um Unterstützung gebeten, den Bruder aus dem Gefängnis zu befreien, da ihr Bruder nichts getan hätte, außer dass er dort gewohnt hatte. Daraufhin hat der Pater zu ihr gesagt: „Warum soll ich mich für ihn einsetzen? Es handelt sich hier um einen Deutschen.“ Ja, so waren die Zeiten… Daraufhin ist Schwester Alma vollkommen aus der Haut gefahren und hat dem Pater mal erklärt, was Christentum heißt. Das war eine sehr temperamentvolle Frau! Aber dann hat er tatsächlich geholfen. Nach dem sie ihm den Marsch geblasen hat. Da sind manchmal Sachen passiert…

Wie oft sind Sie in Paris gewesen?
Vier oder fünf Mal – und immer wieder gerne! Das waren schöne Touren. Auch die Hin- und Rückfahrten waren schön. Ich kann mich noch erinnern, wie wir einmal in Paris unter dem Eifelturm gesessen und dort Picknick gemacht haben. Alle zusammen. Und dann haben wir gesungen „Vive l’Amour“. Da haben sich die umstehenden Leute gefreut, wie wir da gesungen haben.

Haben Sie später Französisch gelernt?
Eigentlich nicht. Das, was ich kann, war aus dem Lameng heraus. Ich kann mich noch an eine Reise nach Paris erinnern, die wir mit unseren Kindern gemacht haben. Als wir in der Kapelle waren, fing auf einmal ein Junge bitterlich zu weinen an. Als wir ihn fragten, was los sei, verwies er auf die gläsernen Sarkophage und sagte: „Die können doch nicht einfach die Toten hier hinlegen. Wie das aussieht! Wie können die Franzosen das machen?“ Er war vollkommen verstört wie die Franzosen denn nur sowas machen konnten. Ein anderer hat unterwegs geschrien „endlich mal ein deutsches Wort“. Daraufhin wollten alle wissen, welches deutsche Wort er denn entdeckt habe. Er zeigte auf „Mc Donalds“.

Wenn Sie sich an Ihre Zusammenarbeit mit den Kindern zurückerinnern – wie haben Sie versucht, ihnen die Bedeutung von Nächstenliebe beizubringen?
Den Kindern brauchte ich keine Nächstenliebe beibringen.
Den Kindern musste ich Nächstenliebe geben!

Ich musste versuchen, den Kindern eine Art Heimat zu geben. Einen Ort, wo sie in Ruhe leben konnten. Wo es ihnen gefiel, wo sie – im besten Fall – Heimatgefühle bekamen. Mir war wichtig, dass es ihnen gut ging und dass sie erkannten, dass man ihnen Gutes tun wollte. Und dass sie erkannten und spürten, dass sie bei uns angenommen waren. Wir haben uns auch viel Mühe mit ihnen gegeben, damit sie in der Schule gut vorankamen. Uns war wichtig, dass sie ein gutes Zeugnis und einen guten Abschluss hatten. Wir wollten ihnen den Weg in ihr eigenes Leben ebnen, damit sie irgendwo eine Lehre anfangen konnten. Da haben wir versucht, immer für zu sorgen. Oder dass sie irgendwo von Familien aufgenommen wurden, die für sie sorgten.

Und haben Sie das denn auch weiter begleitet?
In etwa schon, aber irgendwann hört das auf. Das liegt aber nicht nur an den Kindern. Das liegt auch manchmal an uns. Wenn wir zum Beispiel versetzt wurden … Dann kamen die Kinder in das ihnen bekannte Haus, aber die Schwester, zu der sie einen Bezug hatten, ist nicht mehr da. Das liegt an unserem System.

Wie war das für Sie, wenn Sie gehört haben, dass Sie versetzt wurden? Haben Sie da manchmal gedacht, dass Sie lieber bleiben statt gehen würden?
Das kam ganz auf die Situation an. Zum Beispiel 1990 – als ich da versetzt wurde, war das für mich eine Art Erlösung, möchte ich sagen. Ich war weder physisch noch psychisch in der Lage, meiner Aufgabe noch richtig nachzukommen. Deshalb war ich in dem Fall froh, dass ich dort wegkam.

Mit den Schwestern bin ich dann von Köln nach Bad Godesberg umgezogen und hier sind wir 2017 rüber ins Altenheim gezogen. So geht das. Manchmal kommt eine ältere Mitbewohnerin auf mich zu und fragt mich: „Schwester, wie lange bleiben Sie noch hier?“ Dann sage ich: „Für immer!“ „Ja? Wirklich?“ „Ja!“

Wenn Sie sich heute innerhalb des Hauses bewegen und sich vergegenwärtigen, dass dies das Werk der Vinzentinerinnen ist – wie sehen Sie das heute und wie nehmen Sie es wahr?
Ich sehe das Haus als unser Werk, aber ich sehe das nicht aus einer persönlichen Perspektive. Ich weiß nicht, warum… Aber… Was wollen wir auch machen? Die Entwicklung stört mich ehrlich gesagt auch überhaupt nicht. Die Leute, die das jetzt übernommen haben und die da in der Pflege sind, die geben sich viel Mühe, die tun, was sie können. Mehr kann man gar nicht verlangen.

Wie war für Sie persönlich die Zusammenarbeit mit den Angestellten? Hat das immer gut funktioniert?
Ich habe immer gute Leute gehabt. Die Zusammenarbeit war sehr gut. Ich habe an für sich nie Probleme gehabt. Das muss ich sagen. Ich habe immer nette Leute gehabt, egal ob Erzieher oder Erzieherinnen, Kinderpfleger – da gab es keine Probleme.

Wenn Sie heute auf Ihr Leben zurückblicken – würden Sie sich mit dem Wissen, das Sie heute haben wieder dafür entscheiden, Vinzentinerin zu werden?
Vielleicht ja…
Ja…
Bestimmt. Aber irgendwie würde ich vielleicht anders arbeiten.

Was würden Sie anders machen?
Ich würde mich vielleicht nicht so kaputt machen! Ich glaube, das müsste alles anders aufgebaut sein, denke ich. Ich würde auch schauen, dass ich für mich persönlich etwas mehr Zeit hätte. Vielleicht haben wir in dieser Hinsicht manchmal zu wenig Rücksicht auf uns selbst genommen.

Wie würden Sie diese Zeit einsetzen? Was würden Sie gerne tun?
Ich denke, wir haben zum Beispiel manchmal zu wenig gelesen oder uns in sonstiger Hinsicht weitergebildet. Aber wir hatten überhaupt keine Zeit dazu. Oft hatten wir noch nicht einmal die Zeit, um eine Zeitung zu lesen. So ist viel an uns vorbeigegangen und wir wussten nicht Bescheid, was in der Gesellschaft und der Welt so los ist. Das ist etwas, das ich rückblickend betrachtet nicht begreifen kann. Wie so was möglich war. Wir wussten einfach nicht, was los war. Wir wussten es nicht. Wir sind total „verarbeitet“, möchte ich sagen.

Wie haben Sie für sich das Leben in einer reinen Frauengemeinschaft erlebt und wahrgenommen?
Die Gemeinschaft habe ich immer sehr geschätzt. Und ich muss auch sagen, dass ich die Gemeinschaft immer gebraucht habe. Ich habe mich allerdings auch für die Gemeinschaft eingesetzt. Es ist nicht so als wenn ich nur von der Gemeinschaft geholt hätte, sondern ich habe auch für die Gemeinschaft getan, was ich konnte. Es war ein Geben und ein Nehmen.

Ich stelle mir das schon als eine besondere Lebenssituation vor. Gibt es nicht auch Tage, an denen man denkt: „Heute mache ich die Tür aber hinter mir zu.“?
Ja, die gibt es natürlich auch. Die gibt es sogar auch heute. Je nachdem was im Haus los ist. Dann mache ich auch schon mal meine Türe zu. Dann denke ich immer: „Mach sie zu und dann hörst du mal nichts.“

Es sind ja nicht nur die Mitschwestern, die einem manchmal auf den Geist gehen – es sind ja auch die Leute um einen herum. Eine Frau schreit fortwährend „Aua aua aua …“ und eine andere ruft immer „Hallo, hallo, hallo…“. Da muss ich manchmal die Tür zu machen. Dann ist Ruhe.

Die sind gut, die Türen, das kann man nicht anders sagen. Das ist was wert. Man braucht manchmal den Rückzug und das Alleinsein. Ich brache es dringend! Wir haben über all die Jahrzehnte zu viel investiert in die anderen und zu wenig in uns selbst. Wir sind – wie soll ich das sagen – leergelaufen oder ausgebrannt.

Ich muss sagen – ich bin immer froh, wenn ich meine Ruhe habe. Wir haben ja auch immer noch gearbeitet, wenn andere schon längst im Ruhestand waren.

Was machen Sie heute besonders gerne? Woran haben Sie Freude?
Was macht mir Freude? An für sich mache ich nicht mehr viel. Ich lese gerne. Löse Kreuzworträtsel. Was mache ich noch? Ja, im Grunde ist es das…

Was lesen Sie?
Gerne Kriminalromane. Auf jeden Fall lese ich gerne Krimis. Aber manchmal lese ich auch gerne lustige Sachen. Manchmal liegen hier Bücher und dann gibt es einen Zettel, auf dem steht „Zum Mitnehmen“. Da habe ich schon tolle Sachen gefunden.

Gibt es – von der fehlenden Zeit abgesehen – etwas, dass Sie in all den Jahren vermisst haben?
Ganz aktuell vermisse ich unsere Gottesdienste, die aufgrund von Corona nicht mehr stattfinden dürfen. Die vermisse ich sehr. Und ich vermisse, dass ich nicht mehr Orgel spielen kann. Und auch nicht mehr Gitarre spielen kann. Die Gitarre ist inzwischen zu schwer für meine Finger. Orgel spielen geht noch, aber die Finger versagen einem. Die folgen mir nicht mehr richtig. Das ist eine Frechheit! Das tut mir dann leid.

Aber – wir dürfen ja für Weihnachten einen Wunschzettel schreiben. Ich habe geschrieben, „Ich wünsche mir mein Keyboard zurück.“ Irgendwo hier habe ich ein Keyboard, aber das ist eins, das etwas zu groß für mein Zimmer ist. Wenn es eins wäre, das auf Rädern läuft, dann kann ich es von einer Ecke in die andere schieben. Dann ginge das auch in einem engen Raum. Jetzt hoffe ich, dass ich es bekomme…