Sr. Ruth

Mein Vater wollte zuerst nicht, dass ich Vinzentinerin werde. Aber meine Mutter hat dann irgendwann zugestimmt. Wahrscheinlich habe ich ihre Pläne durchkreuzt, weil sie gedacht hatten, dass ich eventuell die Landwirtschaft übernehmen würde

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Die Vinzentinerinnen haben mich durch mein gesamtes Leben begleitet. Mich hat die Mission begeistert. Und mit dem Gedanken, in die Mission zu gehen, bin ich eingetreten. Aber dann ist alles ganz anders gekommen.

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Das Miteinander im Noviziat war sehr streng reguliert. Wir mussten uns den Richtlinien unterwerfen. Das ist mir in der ersten Zeit auch sehr schwergefallen. Dass wir für fast alles um Erlaubnis bitten oder fragen mussten. Dass können wir heute von Nachfolgenden nicht mehr verlangen.

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Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

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Der heilige Vinzenz wollte ja keine klassischen Ordensfrauen haben.

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Wenn das Herz auch nicht immer so mitgespielt hat, aber der Verstand, der musste dann trotzdem mit!

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Und wenn ich später zu den vinzentinischen Tagungen nach Paris gefahren bin, hat mich diese Atmosphäre im Mutterhaus immer wieder fasziniert. Zu diesen Tagungen kamen Schwestern aus der ganzen Welt und wir haben dann drei Wochen dort getagt. Das war so schön! Da haben wir manchmal Gemeinschaftsabende Gemacht und dann hat jedes Land etwas für sein Land Typisches aufgeführt. Und dann wurden Zeugnisse von den einzelnen Abgelegt. Das war ergreifend!

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Es ist wichtig, dass wir unseren Mitarbeitern den vinzentinischen Geist vorleben. Unser Anliegen ist es, dass sie den vinzentinischen Geist am Leben erhalten. Der Hl. Vinzenz hat uns gesagt, „Die Armen sind eure Herren und Meister“: Es ist wichtig, dass unsere Mitarbeiter das immer bedenken. Es ist wichtig, dass sie mit dem Herzen dabei sind. Den Menschen Wertschätzung entgegenbringen, so würde ich den vinzentinischen Geist übersetzen. und es ist vollkommen egal, ob der Mensch alt oder jung ist.

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Uns ist es ein großes Anliegen, dass unsere Werke noch weiter lange leben werden. Momentan befinden wir uns in einer Phase des Übergangs, aber bald wird niemand mehr da sein. Ich glaube, wir sind jetzt noch 26 Schwestern hier. Aber wir versuchen immer noch, uns so gut, wie es geht, einzubringen. Solange wir da sind, werden wir unsere Präsenz zeigen.

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Interview mit Sr. Ruth

Wie sind Sie in Kontakt mit den Vinzentinerinnen gekommen?
Meine Verbindung zu den Vinzentinerinnen reicht bis in meine frühe Kindheit zurück, da ich bin schon bei den Vinzentinerinnen im Kindergarten gewesen bin. Ich weiß noch so manche Dinge aus dem Kindergarten. Später bin ich nach meiner Schulentlassung in den Marienverein aufgenommen worden.

Was ist ein Marienverein?
Früher wurden die jungen Mädchen, wenn sie aus der Schule kamen, in den Marienverein aufgenommen. Das ist in Erinnerung an die Erscheinung der Katharina Labouré.

Das heißt, Sie waren in einem vinzentinischen Kindergarten, aber die Schule hatte nichts mit den Vinzentinerinnen zu tun?
Nein, die Schule selbst nicht – aber wir sind sehr viel in Kontakt mit den Schwestern gekommen, denn mein Vater war oft krank und dann kamen die Ambulanzschwestern. Und das hat mich immer interessiert. Da hatten die Schwestern noch die großen Hüte. Da habe ich immer geguckt und mich zum Beispiel gefragt: „Was macht sie, wenn es jetzt regnet? Dann fällt das alles runter.“ Ich habe jedoch schnell herausgefunden, was sie gemacht hat, wenn es regnet.

Und was hat sie gemacht?
Sie hat auf den Stoff eine Schicht gemacht, dass der Regen nicht an die Wäschestärke kam. Also blieb der Hut stehen, denn sie fuhr ja Moped.

Wissen Sie, woran ich dann immer denken muss? An die Filme mit Louis de Funès…
Ja, da kamen die immer vor.

Haben Sie denn bei Ihrer Einkleidung auch noch so einen Hut bekommen?
Ja, ich hatte noch drei Jahre die Cornette. Das geht zurück auf die Tracht der Bauernmädchen aus der Ile de France. Der heilige Vinzenz wollte ja keine klassischen Ordensfrauen haben und dann hat er als Ordenstracht die Tracht der Landmädchen, gewählt.

Kommen wir noch einmal zurück auf Ihre Schulzeit. Sie sagten, dass Sie in den Marienverein aufgenommen worden sind.
Ja, nach meiner Schulentlassung bin ich in den Marienverein aufgenommen worden. Nach der Schule war ich noch ein halbes Jahr zu Hause. In der Zeit bin ich in die Nähschule gegangen und wurde gleichzeitig in den Marienverein aufgenommen. Dann haben die Schwestern gesagt, dass es hier vor Ort keine Möglichkeiten für die Ausbildung gibt. „Gehen Sie nach Köln, nach Nippes“. Ich folgte dem Vorschlag und so kam ich in die Pflegevorschule. Diese war gedacht für Mädchen, die später mal Schwestern werden wollten. Aber die Schule ist nach einem Jahr aufgelöst worden. Daraus wurde dann die Pflegevorschule für Mädchen, die in die Krankenpflege oder Säuglingspflege wollten. Da kam ich dann rein und habe meine Hauswirtschaftslehre gemacht. Das war hier am Vinzenzkrankenhaus.

Also haben Sie dort Ihre Ausbildung zur Hauswirtschaftlerin gemacht. Ein bis dahin ganz „normaler“ Werdegang – erst Schule und dann Ausbildung.
Ja, und dann kam ich in die Berufsschule. Meine Lehrfrau war eine Schwester. Die war früher Berufsschullehrerin gewesen. Hier in der Simon-Meister-Straße. Sie ist dann später bei den Vinzentinerinnen eingetreten. Und das war meine Lehrfrau.

Das heißt, Ihre Lehrfrau war Vinzentinerin?
Ja.

Das heißt, dass die Vinzentinerinnen Sie im Grunde durch Ihr gesamtes Leben begleitet haben?
Ja, mein gesamtes Leben. Mich hat die Mission begeistert. Und mit dem Gedanken, in die Mission zu gehen, bin ich eingetreten. Aber dann ist das alles ganz anders gekommen.

Ich muss noch mal einen Schritt zurückgehen. Sie haben Ihre Ausbildung in der Pflegvorschule gemacht. Ihre Ausbilderin war eine Vinzentinerin. Aber dazwischen gab es ja noch einen Schritt zu gehen – von einer Ausbildung bis zum Entschluss „Ich möchte eine von Euch werden“.
Das ist richtig. Aber ich muss sagen, dass uns die Schwestern immer sehr mit einbezogen haben. Ich kam ins Praktikum in den Kindergarten. Ich wurde zu den Kranken mitgenommen – in die Brennpunkte! Ich durfte auch immer die Weihnachtspakete der Stadt Köln verteilen. So bin ich in die Arbeit der Schwestern reingekommen. Ganz praktisch und bewusst.

Ursprünglich wollte ich in die Säuglingspflege, in der auch SR Fidelia war. Aber leider ist das nicht gelungen, weil dieses Haus damals aufgelöst wurde. Dann wurde hier ein städtisches Kinderkrankenhaus gebaut und da sollte ich dann in die Kinderkrankenpflegeausbildung. Aber das wollte ich nicht.

Aber hatten Sie nicht, wie so viele andere Frauen, den Wunsch zu heiraten und eine Familie zu gründen?
Das war mal. Wie ich dann aber intensiv bei den Schwestern war, kam der Gedanke, Schwester zu werden.

Gab es für Sie einen Schlüsselmoment, in dem Sie erkannt haben, dass Sie Schwester werden wollten?
Ja, das war als ich von der Krankenpflegeschule hier weg in eine andere Einrichtung kam. Als ich in Mönchengladbach – Hardt mit den Behinderten arbeiten durfte, habe ich dann entschieden „Ich werde Schwester!“

Können Sie sich erinnern, ob es einen besonderen Vorfall oder ein besonderes Ereignis gab, das zu diesem Entschluss geführt hat?
Da kann ich mich heute gar nicht mehr so dran erinnern. Aber das war schon sehr früh. Meine Mutter hätte lieber gesehen, dass ich nach Luxemburg gegangen wäre, weil sie dort eine Cousine im Orden hatte.

Das heißt, bei Ihnen in der Familie gab es bereits jemanden, der in einen Orden eingetreten war…
Ja. Auch in der weitläufigen Verwandtschaft.

Also war das für Ihre Familie nichts gänzlich Unbekanntes, dass jemand in einen Orden eintritt …
Nein, da kam auch immer eine Schwester aus der Verwandtschaft in den Heimaturlaub. Das war damals eigentlich noch gar nicht üblich. Und die habe ich mir immer ganz gut angeguckt.

Kommen Sie aus einem religiösen Zuhause?
Ja. Nicht besonders religiös, aber bei uns wurde sehr auf Gottesdienstbesuche geachtet. Meine Mutter hat das sehr gefordert bei mir.

Haben Sie Geschwister?
Noch drei Brüder. Jetzt nicht mehr. Einer ist schon verstorben.

Sind diese älter oder jünger als Sie?
Ich war die Jüngste und das einzige Mädchen.

Und wie war es, als Sie Ihren Eltern gesagt haben, dass Sie Vinzentinerin werden wollen?
Es war nicht so angenehm. Ich war noch keine 21.

Wie alt waren Sie?
Ich war 18.

Und wie haben Ihre Eltern reagiert?
Ja…
Sie haben später ihr Einverständnis doch gegeben.

Aber erstmal haben sie sich dagegen gesperrt?
Ja.

Und wie war das? Sie waren ja noch ein sehr junges Mädchen und aus dieser Situation heraus Ihren Eltern klarzumachen, das ist das, was ich will?
Das hat ihre Pläne vollkommen durcheinandergeworfen.

Sie waren dann aufgefordert, für sich einzustehen …
Können Sie sich in diesen Moment noch zurückversetzen, wie das damals für Sie war?
Ja. Mein Vater wollte das gar nicht.

Aber meine Mutter – die war ja durch ihre Cousine schon damit vertraut und sie ist mal mit mir zu ihr gefahren – sie hat dann irgendwann zu gestimmt.

Kann man sagen, dass auch bei Ihnen die Entscheidung, Vinzentinerin zu werden, über das Miteinander und das Tun kam?
Ja, das ist ein gutes Beispiel, denn das Miteinander der Schwestern, das hat mich sehr beeindruckt. Aber die Entscheidung – das kam nicht von heute auf morgen. Das reifte, als ich hier nach Köln kam.

Haben Sie hier in Köln in einem Schwesternwohnheim gewohnt oder wie waren Sie untergebracht während Ihrer Ausbildung?
Wir waren im Schwesternhaus untergebracht – noch im alten Provinzhaus. Wir haben oben auf einem Flur gewohnt, wo wir auch ziemlich für uns waren. Aber dann kamen immer mehr Anmeldungen und dann wurde die Vorschule gebaut. Das heutige Provinzhaus war die damalige Vorschule.

Das heißt, die Vorschule war auch vinzentinisch geführt?
Ja.

Und nachdem Sie im Rahmen Ihrer Ausbildung in Mönchengladbach-Hardt im St. Josefhaus waren, fiel Ihr Entschluss Vinzentinerin zu werden?
Ja.

Wann genau war das?
Das war 1959. Aber bei uns zählt ja nicht das Postulat, sondern der Eintrittstag. Ich bin 1960 ins Noviziat gekommen.

Wann war Ihr Eintrittstag?
Das war der 30. Januar 1960.

Und dann erfolgte 2 Jahre später die Einkleidung?
Ja. Während bei SR Fidelia das Noviziat noch etwa ein Jahr dauerte, war es bei meiner Ausbildungsgruppe schon länger. Wir waren die erste Gruppe, die ein längeres Noviziat haben sollten. Wir waren von Januar 1960 bis Mai 1961 im Noviziat.

Wie haben Sie da für sich das Miteinander erlebt?
Ja… Das war sehr streng reguliert. Wir mussten uns den Richtlinien unterwerfen. Das ist mir in der ersten Zeit auch sehr schwergefallen.

Was ist Ihnen besonders schwergefallen?
Dass wir für fast alles um Erlaubnis bitten oder fragen mussten. Das könnten wir heute von Nachfolgenden nicht mehr verlangen.

Was mussten Sie zum Beispiel erfragen?
Zum Beispiel wo wir hingehen durften. Oder welche Arbeiten erlaubt waren.

Sie mussten selbst bei Arbeiten fragen?
Ja, je nachdem was man gemacht hat, musste man fragen.

Nachdem Sie vorher in völliger Freiheit und Selbstbestimmtheit gelebt haben – wie war dann auf einmal dieses Leben in der Gemeinschaft? Wie viele Mitschwestern waren mit Ihnen in der Ausbildung?
Im Noviziat waren wir 8 oder 9 Schwestern. Oder sogar 10. Das hat sich permanent geändert: Die eine Gruppe wurde schon eingekleidet während die andere noch im Noviziat war.

Wenn man permanent mit einer Gruppe von 8 bis 10 Personen zusammen ist und man auch nicht immer alle und gleich mag – denn jede hat ja auch ihre individuellen Eigenheiten – wie sind Sie dann mit dieser Situation umgegangen? Gab es auch mal Zoff untereinander?
Nein, das habe ich so nicht empfunden. Wir waren alle jung. Die meisten waren so bis 25. Und es herrschte hauptsächlich Stillschweigen – da gab es gar nicht so viele Gelegenheiten für Zoff. Während der Rekreation – da durften wir sprechen.

Dieses in Gemeinschaft sein. War das etwas, das Sie für sich gesucht und sich gewünscht hatten?
Ja. Ich habe das ja vorher immer wieder so erlebt: Diese große Schwesterngemeinschaft. Ich habe das als angenehm empfunden.

Wie ging es dann für Sie weiter? Was war Ihr erster Einsatzort?
Da ich noch sehr jung war, war ich zunächst noch ein halbes Jahr hier im Provinzhaus. Da habe ich noch so alles mitgemacht.

Sie haben gesagt, dass alles ganz anders gekommen ist, als Sie es eigentlich gedacht hatten. Eigentlich war Ihr Wunsch die Mission. Was passierte stattdessen?
Man hatte mir gesagt, „Sie werden noch ausgebildet“. Und wie gesagt, ich war erst noch ein halbes Jahr hier. Auf einmal hieß es, „Sie werden versetzt“. Dann kam ich in die Küche.

Also kam die Krankenschwester in die Küche…
Ich war noch gar keine richtige Krankenschwester. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nur die Pflegvorschule besucht. Aber das mit der Kinderkrankenpflege hatte nicht funktioniert. Da musste ich warten bis im Oktober nach der Einkleidung und dann hieß es, „Sie gehen mal behelfsmäßig mit in die Küche“. So war ich dann auf einmal Küchenschwester in einem Krankenhaus in Düsseldorf.

Für wie lange?
Für ein gutes halbes Jahr und dann wurde ich angemeldet für die Ausbildung zur Krankenpflegerin.

In dem Krankenhaus, in dem Sie zuvor in der Küche waren?
Ja, im gleichen Krankenhaus. Dann habe ich 2 Jahre Krankenpflege gelernt. Darauf folgte ein praktisches Jahr. Das war 1965 zu Ende. Also war die gesamte Krankenpflegeausbildung 3 Jahre im alten Krankenhaus.

Und das hat alles in Düsseldorf stattgefunden?
Ja, das war alles in Düsseldorf. Aber dann ging es rund: Es wurde neu gebaut und da sind wir oft umgezogen. Ich habe erst im alten Haus auf der 4. Etage gewohnt. Dann hieß es „das Krankenhaus wird jetzt abgerissen – alle rüber ins Personalhaus“. Ich habe den kompletten Umbau erlebt. Wir wurden lange Zeit eingesetzt für alles, was im Umbau zu machen war: putzen, Betten beziehen – alles. Da haben alle jüngeren Ordensschwestern geholfen. Die wurden aus ihren Beschäftigungen herausgezogen und haben dort gearbeitet.

Mit wie vielen Schwestern waren Sie vor Ort?
Wir waren viele Schwestern in dem Krankenhaus – bestimmt über 20.

Und das war auch ein vinzentinisches Krankenhaus?
Ja, wir jungen und die alten Schwestern waren dort. Die waren damals noch nicht alle in einem gemeinsamen Haus wie heute in Bad Godesberg untergebracht. Daher gehörte es auch zu unseren Aufgaben, dass wir uns um die alten Schwestern zu kümmern hatten.

Wie lange sind Sie insgesamt in Düsseldorf geblieben?
Ich war bis 1966 dort. Ich hatte in dem neuen Krankenhaus schon eine Station: Ich war die Leiterin der Wochenstation. Das war sehr anstrengend, weil wir einen sehr starken Durchlauf hatten. Wir bekamen einen Professor von der Uniklinik Düsseldorf zu uns ins Krankenhaus als Chefarzt. Da können Sie sich vorstellen, was da Wöchnerinnen gekommen sind – jeden Morgen hatten wir Notbetten auf dem Flur stehen!

Und wie ging es dann für Sie weiter?
Dann kam ich wieder nach Köln zurück und habe auf der Berufsfachschule die Realschulreife nachgeholt.

Wie alt waren Sie da?
Ich muss so 25/26 Jahre alt gewesen sein.

Und wie war das für Sie nach den Jahren der Berufstätigkeit wieder zur Schule zu gehen?
Das war der schlimmste Schritt für mich!

Wie haben Sie sich da gefühlt?
Sehr erbärmlich! Ich musste einen Haufen lernen. Die Prüfungen für die Realschule und als das alles vorbei war, wurde ich an der städtischen Fachhochschule für Sozialarbeit angemeldet. Da habe ich gedacht: „Jetzt fällste aber hier in Ohnmacht!“ Da waren nur Männer. Und das waren die 68er Jahre… Da habe ich gesagt „Nee, dass könnt ihr nicht von mir verlangen, dass ich mich zwischen all die Männer setze. Tut mich irgendwo anders hin!“

Und dann?
Ich kam dann wieder zurück ins Krankenhaus.

Das heißt, man hat Ihrem Wunsch entsprochen und Sie brauchten die Ausbildung nicht zu machen?
Nein, das brauchte ich nicht. Ich war dann bis 1972 im Krankenhaus und war dort als Stationsleitung tätig.

Wie ging es danach weiter?
Dann wollten Sie mich unbedingt in die Ambulanz holen. Und dafür musste ich jedoch in Koblenz noch eine Zusatzausbildung für die Arbeit in einer Sozialstation machen.

Also sind Sie dann nach Koblenz gegangen?
Ja.

Und wie lange waren Sie dort?
Das hat sich so über ein bis anderthalb Jahre hingezogen. Wir mussten dort immer im Blocksystem hin. Ein halbes Jahr waren wir komplett vor Ort und dann immer wieder im Blockunterricht.

Wie ging es für Sie weiter, als die Ausbildung in Koblenz abgeschlossen war?
Dann kam ich in meine Heimat!

Wie war das für Sie – das Zurückkehren?
Das war für mich Neuland! Da habe ich meine Heimat erstmal richtig kennengelernt.

Wo genau sind Sie hingekommen?
Das ist es ja – ich kam meinen Heimatort! Da waren immer noch die Vinzentinerinnen, die bereits in meiner Kindheit dort gewesen waren.

Das muss ja ein ganz besonderes Gefühl gewesen sein…
Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie sehr meine Eltern sich gefreut haben. Die waren mittlerweile auch schon alt und so konnte ich dann ab und zu zu ihnen. Das wäre sonst nie möglich gewesen.

Welche Funktion haben Sie dort bekleidet?
Wir hatten da die Sozialstation. Das war die größte Sozialstation von Rheinland-Pfalz. Dort waren drei Verbandsgemeinden zusammengeschlossen. Und die wurde dann eröffnet. Zu Beginn mussten wir sehr weite Wege fahren. Dann kamen immer mehr Patienten und ich musste weit fahren, um zu ihnen zu gelangen. Zum größten Teil kannte ich die Leute auch noch nicht. Aber wir hatten einen sehr netten Hausmeister, der ist mit mir durch die Gegend gefahren, damit ich die Ortschaften kennenlernen konnte.

Und aus diesem Grund haben Sie gesagt, dass Sie Ihre Heimat kennengelernt haben?
Ja.

Was genau heißt Sozialstation? Was verbirgt sich dahinter?
Das ist vergleichbar mit den heutigen Pflegediensten. Das war früher die Sozialstation.

Also im Grunde der Vorläufer der Pflegedienste?
Ja.

Dann sind Sie dort zu den Menschen in ihre Häuser und Wohnungen gegangen, um sie zu versorgen?
Ja, meine Aufgabe bestand darin, die Menschen zu pflegen.

Wie lange waren Sie dort?
Von Ende 1978 bis 1994.

Das heißt, dass auch Ihre Eltern in der Zeit, in der Sie vor Ort waren, verstorben sind?
Ja.

Also waren Sie in der Nähe?
Ja.

Dann waren Sie ja richtig lange da…
Ja. Ich habe dort auch sehr viel erlebt.

Fällt Ihnen ein besonderes Erlebnis ein?
Auf Anhieb fällt mir gerade nichts ein.

Was ich jedoch sehr interessant fand, wenn ich am Wochenende frei hatte, habe ich immer auf der Pflegestation geholfen. Und früher war das mit den Behinderten auf dem Land noch nicht so, dass sie speziell irgendwo untergebracht wurden. Also habe ich oft behinderte Menschen gepflegt. Die freuten sich, wenn ich kam. Das war für mich immer ein besonderes Erlebnis. Diese Freude. Und da war auch eine Frau, die ebenfalls behindert war. Mit der habe ich so manche Geschichten erlebt.

Inwiefern?
Sie hatte sich sehr in den Doktor verliebt. Sie hat immer gesagt: „Das ist mein Doktor!“ Sie wollte ihn immer für sich.

Wie war es eigentlich, wenn Sie in Ihrem Heimatort z.B. früheren Nachbarn oder Schulkameraden als Nonne wiederbegegnet sind?
Viele haben mich zuerst gefragt, ob sie denn noch „Du“ zu mir sagen dürfen. Dann habe ich immer gesagt: „Aber natürlich, wir kennen uns doch von der Schulzeit. Das ist doch selbstverständlich.“

Aber Sie haben schon gemerkt, dass da eine Hemmschwelle war?
Ja, die Hemmschwelle war auf jeden Fall da.

Wie haben Sie sich das erklärt, dass die Hemmschwelle da ist?
Weil ich jetzt Schwester war. Damit ging eine andere Erwartungshaltung einher.

Was für eine Erwartungshaltung?
Zum Beispiel die, dass Leute davon ausgehen, dass man dem, was sie einem anvertrauen, mit Stillschweigen begegnet. Ich musste mich sehr in Acht nehmen und mich stets fragen „Wie weit kannst du gehen? Wo sind hier die Grenzen?“ Das hätte sonst nachteilige Auswirkungen gehabt.

Aber wie war das für Sie? Haben Sie festgestellt, dass – wenn die Leute Vertrauen zu Ihnen gefasst hatten – man Ihnen auch Geheimnisse anvertraut hat?
Ja, auf jeden Fall.

Ich stelle mir vor, jemand öffnet sich Ihnen gegenüber und Sie stellen fest, dass diese Person dringender Hilfe bedarf. Wie haben Sie sich in so einem Fall verhalten?
Ich war auch Mitglied des Pfarrgemeinderats. Dort wurden oft Notfälle vorgebracht und besprochen. Zum Beispiel Fälle, in denen junge Familienväter gestorben sind und die Familie auf einmal mittellos dastand. Dann habe ich gesagt, „In diesem Fall helfen keine guten Worte, sondern finanzielle Unterstützung“. Und dann wurde auch auf meinen Ratschlag eingegangen.

Das wurde dann tatsächlich auch getan?
Ja. Ich bin auch in der Caritasgruppe gewesen und auch dort konnten wir solche Angelegenheiten vorbringen, so dass die Bedürftigen auch ganz praktische Hilfe erhalten haben.

Sie haben gesagt, dass Sie bis 1994 in der Sozialstation tätig waren. Wie ging es danach für Sie weiter?
Das war sehr traurig, denn der Grund für meine Versetzung bestand darin, dass das Haus aufgelöst wurde. Es gab viele schlimme Gründe, die dazu geführt haben. Unter anderem ist eine Mitschwester an Krebs erkrankt. Das war über lange Zeit ein Auf und Nieder und auch aus diesem Grunde bin ich dortgeblieben bis sie gestorben ist.

Mit wie vielen Schwestern waren Sie ursprünglich mal dort?
Wir waren immer so 6 bis 8 Schwestern. Zum Schluss waren wir dann nur noch zu zweit. Eine Schwester ist gestorben, eine andere wurde versetzt. Dann wurde ich versetzt und so blieb nur noch eine Einzige übrig.
Die hat dann das Ganze aufgelöst. Das war sehr, sehr schlimm. Sowohl für uns Schwestern als auch für die Bevölkerung. Das konnten die gar nicht verstehen, nachdem wir so lange vor Ort waren. Wir hatten auch so ein gutes Verhältnis mit den Mitarbeitern – das war eine richtige Familie.

Wie viele Mitarbeiter hatten Sie?
Das waren bestimmt um die 50. Aber wir konnten den Betrieb einfach nicht mehr aufrechterhalten.

Wohin führte Sie Ihr Weg nach Ihrer Abberufung?
Dann kam ich nach Köln ins Vinzenzkrankenhaus in die Seelsorge. Dafür habe ich in Bonn auf dem Hardberg noch eine Zusatzausbildung gemacht. Daraufhin wurde ich hier eingesetzt.

Was für eine Zusatzausbildung war das?
Das war eine Ausbildung für Krankenhausseelsorge.

Zu dem Zeitpunkt waren Sie wie alt?
Da war ich 53 Jahre alt. Das hat mir sehr gutgetan.

Wie war das für Sie, in diesem Alter noch einmal in eine Ausbildung zu gehen? Ich vermute mal, dass dort ja bestimmt nicht nur Mitschwestern waren.
Das war eine bunte Truppe. Männer, Frauen, junge Leute aus Österreich, die alle hier nach Köln kamen.

Und wie war das Miteinander?
Da war sehr schön. Wir haben zusammen auch viel unternommen.

Wie lange ging das?
Das ging leider nicht so lange. Wir haben im Oktober angefangen und das endete um Ostern herum. Also ein gutes halbes Jahr.

Mit dieser Ausbildung sind Sie dann hier eingestiegen?
Ja. Ich war bis 2005 hier in der Seelsorge tätig. Dann kam ich nach Aachen. Dort war ich bis 2020. Und als ich 2005 nach Aachen kam, waren dort noch über 20 Schwestern. Als ich wegging, war keine mehr da. Das war hart. Eine Mitschwester ist dort an ihrem 99igsten Geburtstag gestorben.

Kann man sagen, dass wenn Sie Ihren „Marschbefehl“ erhalten, dass Sie Ihren Koffer zu packen und zu gehen haben?
Ja, das ist so.

Wie ist das für Sie gewesen? Denn das ist ja auch ein gewisses Fremdbestimmtsein. Konnten Sie das für sich immer so akzeptieren?
Nein, nicht immer. Aber in Aachen habe ich das – zum Teil – eingesehen. Irgendwann musste das ja geschehen. Wenn das Herz auch nicht immer so mitgespielt hat, aber der Verstand, der musste dann trotzdem mit!

Also heißt das, dass das oft auch Herz-gegen-Verstand-Entscheidungen waren?
Ja, absolut.

Und als Sie dann Aachen verlassen hatten, wohin ging es dann für Sie?
Nach Köln-Brück ins Alten- und Pflegeheim.

Ich bin ein ängstlicher Typ. Und da wir jetzt Corona haben, treibt mich ständig die Angst um, dass ich den Leuten etwas bringen und sie anstecken könnte. Toi, toi, toi – wir haben bislang keinen Coronafall. Wir können darüber einfach nur dankbar sein. Alle halten sich an die Vorsichtsmaßnahmen. Trotzdem kann man sich nie freisprechen.

Wenn Sie nun zurückblicken. Was war Ihre Lieblingstation in all den Jahren? Wo hing das Herz am meisten dran?
Am meisten war es Düsseldorf, obwohl es die härteste Zeit war.

Wieso kommt Ihnen als Erstes Düsseldorf in den Sinn?
Wie soll ich das erklären? Wir waren jung. Und es hat uns nichts ausgemacht, hart zu arbeiten. Obwohl uns Vieles abverlangt wurde, war es sehr schön.

Wenn Sie heute – trotz vieler Verluste und Schließungen – auf Ihre Werke blicken, gibt Ihnen das immer noch ein gutes Gefühl?
Ja, auf jeden Fall.

Würden Sie sich wieder entscheiden, Schwester zu werden?
Ja, doch. Ganz bestimmt. Das Einzige, das ich anders machen würde – ich würde etwas länger abwarten. So dass ich älter wäre. So früh, wie ich das getan habe – dazu würde ich keinem raten. Lieber etwas älter sein, dass man gereifter ist für die Strapazen und Herausforderungen.

Wann sind Sie das erste Mal nach Paris gekommen?
Sie werden es nicht glauben! Ich war schon sehr, sehr früh da. Das war schon bevor ich selbst Vinzentinerin war.

Wie kam das denn?
Ich bin mit 14 Jahren zum ersten Mal nach Paris gekommen. An einem Tag habe ich 2 Angebote für Paris bekommen. Zum einen hatte ich Verwandte, die in Paris gelebt und mich eingeladen hatten und das zweite kam von den Schwestern. Und dann bin ich mit den Schwestern nach Paris gefahren.

Und als Sie dann nach Paris gekommen sind, wie war das für Sie?
Das war für mich ein überwältigendes Erlebnis. Ich war ja vorher noch nie von zu Hause weg gewesen. Und dann mit einer Gruppe nach Paris zu kommen … Ich war auch die jüngste Teilnehmerin. Diese 2 Angebote habe ich am Tag meiner Schulentlassung bekommen.

Das war so schön!

Ich habe gedacht, „Das kann nicht wahr sein“. Das war für mich wie eine andere Welt.

Und wenn ich später zu vinzentinischen Tagungen nach Paris gefahren bin, hat mich diese Atmosphäre im Mutterhaus immer wieder fasziniert. Zu diesen Tagungen kamen Schwestern aus der ganzen Welt und wir haben dann 3 Wochen dort getagt. Das war so schön! Da haben wir manchmal Gemeinschaftsabende gemacht und dann hat jedes Land etwas für sein Land Typisches aufgeführt. Und dann wurden Zeugnisse von den einzelnen abgelegt. Das war ganz ergreifend!

Was war denn das typisch Deutsche, das Sie aufgeführt haben?
Wir haben damals von der heiligen Elisabeth das Lied „Das Brot, das wir teilen“ vorgetragen und dabei Brot verteilt. Ich kann mich noch erinnern, dass die Italienerinnen eine Kuh dargestellt haben. Die hatten sich mit Tüchern verhüllt und kamen dann in den Saal. Sie haben eine Szene nachgespielt, wie die ersten Schwestern in eine Filiale reingingen. Das war sehr lustig! Oder eine Mexikanerin – die hat einen Cowboytanz aufgeführt. In der Landestracht der Mexikaner. Die Mitschwestern haben mal tief geatmet, aber so unterschiedlich sind die Menschen und Kulturen nun mal. Aber uns alle eint der gemeinsame Auftrag.

Was möchten Sie zukünftigen Mitarbeitern mit auf den Weg geben?
SR Fidelia hat das ja auch schon gesagt: Es ist wichtig, dass wir ihnen den vinzentinischen Geist vorleben. Unser Anliegen ist es, dass sie den vinzentinischen Geist am Leben erhalten. Der hl. Vinzenz hat uns gesagt, „Die Armen sind eure Herren und Meister“. Es ist wichtig, dass unsere Mitarbeiter das immer bedenken. Es ist wichtig, dass sie mit dem Herzen dabei sind. Denn das spüren die Bewohner so sehr. Ich helfe immer noch ehrenamtlich aus und da gehe ich auch immer noch in einige Wohnbereiche. Es ist schön zu sehen, wie die Leute sich freuen, wenn eine Schwester kommt.

Wie würden Sie den Begriff „vinzentinischer Geist“ umschreiben?
Den Menschen Wertschätzung entgegenbringen, so würde ich das übersetzen. Und es ist vollkommen egal, ob der Mensch alt oder jung ist. Ich bewundere alle, die im Dienst der Alten stehen.

Natürlich ist es oft anstrengend, insbesondere mit dementen Menschen zu arbeiten. Aber auch hier geht es darum, den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Und mir ist es auch schon passiert, dass eine Bewohnerin mal zu mir gesagt hat, „Was will die alte Kuh?“ Das kommt dann so raus. Das darf man nicht persönlich nehmen.

Das bringt mich noch mal zu dem Punkt zurück, dass Sie gesagt haben, dass Sie auch durchaus schon mal unschöne Erlebnisse hatten. Fällt Ihnen da einer ein?
Ja, das war im Krankenhaus. Da waren Jugendliche, die haben mich richtig böse angemacht. Daraufhin habe ich sie gefragt, „Was habe ich Ihnen getan, dass Sie mich so angreifen?“ Und dann sind sie nachdenklich geworden und haben damit aufgehört. Aber schön war das nicht.

SR Fidelia hat ja erzählt, dass sie bis Corona regelmäßig auf der Straße angesprochen worden ist. Wie haben Sie das für sich erlebt?
Ähnlich. In der letzten Zeit in Brück bin ich weniger angesprochen worden. Vielleicht, weil ich
auch noch neu bin. Aber wenn wir raus oder in den Gottesdienst gehen, begegnen uns die Leute sehr aufgeschlossen. Als ich noch in Aachen war, bin ich oft auf der Straße angesprochen worden. Aber hier erlebe ich das jetzt nicht mehr. Ob das coronabedingt ist? Es könnte sein. Aber ich weiß es nicht. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass die Menschen nach dem Bekanntwerden der Missbrauchsvorfälle uns damit in Verbindung bringen und auch deshalb zurückhaltender reagieren.

Wie war das für Sie als der ganze Skandal damals aufgekommen ist? Wie haben Sie das für sich erlebt?
Das war so unfassbar, dass ich das gar nicht realisieren konnte. Ich konnte das erstmal gar nicht glauben. Und es hört nicht auf. Immer wieder kommt etwas Neues heraus. Und hier im Erzbistum Köln ist es ja besonders schlimm. Diese ganze Geschichte um Kardinal Woelki …

Gibt es noch etwas, dass Sie gerne sagen möchten?
Ja, uns ist es ein großes Anliegen, dass unsere Werke noch weiter lange leben werden. Ich hoffe, dass sich ein Weg über eine Stiftung finden wird. Ich weiß nicht, ob das schon vollzogen ist, damit das alles weiterbestehen wird. Momentan befinden wir uns in einer Phase des Übergangs, aber bald wird niemand mehr da sein. Ich glaube, wir sind jetzt noch 26 Schwestern hier. In Holland weiß ich es nicht genau. Aber wir versuchen immer noch, uns so gut, wie es geht, einzubringen. Solange wir da sind, werden wir unsere Präsenz zeigen.

Noch eine Frage zum Schluss: Hatten Sie ein Hobby?
Ja, früher bin ich immer gerne Schwimmen gegangen. Und darüber hinaus bin ich gerne wandern gegangen.

Nachdem Sie schon so oft umgezogen sind. Wo fühlen Sie sich zu Hause?
Dort, wo man sich angenommen fühlt. Zuhause ist kein Ort, sondern ein Gefühl.

Ergänzung von Sr. Fidelia:
Darüber hinaus ist es wichtig – insbesondere, wenn man in einer Gemeinschaft lebt, so wie wir – bei aller Verschiedenheit den anderen so zu nehmen und zu akzeptieren, wie er ist. Und nicht wie ich ihn gerne hätte. Das ist ein großer Unterschied und dazu habe ich auch kein Recht. Es gilt, den Menschen so zu nehmen, wie er von Gott gemacht und gewollt ist und nicht, wie ich ihn mir vorstelle. Das es zwischen Menschen auch mal Reibungen gibt, das ist ganz normal. Nur dann muss man wieder einen gemeinsamen Nenner finden.