Sr. Cypriana

Meine Mutter war eine sehr gläubige Frau und sie sagte, „Wenn dies dein Weg ist, dann geh“. Ich bin meinen Weg bis dahin gegangen.

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Wir waren ja irgendwie zerrissen. Durch die Flucht konnten wir überhaupt nicht planen. Doch dann kam ich 1947 in Küllstedt zur Krankenpflege. Dort habe ich auch die Schwestern kennengelernt. Und ich muss sagen – ich bin immer auf gute Menschen gestoßen.

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Küllstedt war ja DDR und Köln lag im Westen. Um dorthin zu gelangen, mussten wir schwarz über die Grenze. Mir war klar, „Du musst das machen!“ Dann habe ich 1949 in Köln meine Ausbildung angefangen und zu Ende gebracht.

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Dann bin ich 1960 nach Düsseldorf gekommen und bin dort 35 Jahre geblieben- davon 30 Jahre als Pflegedienstleitung. Aber nicht nur auf Station. Ich habe dort einige Stationen durchlaufen.

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„Es gibt so viele arme Menschen!“ Durch die Schwestern hat sich mein Glaube vertieft. So entstand der Wunsch: „DAS möchte ich auch machen.“ 1953 bin ich eingetreten.

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Nach 35 Jahren kamen die auf die Idee, mich nach Köln zu holen. So wurde ich 1995 Provinzoberin. Gegen diese Entscheidung habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt!

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Und 2004 habe ich dann die Leitung der Schwestern in Bad Godesberg übernommen. Aber wir hatten auch mit den Mitarbeitern einen guten Kontakt. Das ist auch heute noch so. Die haben die Leitung. Die machen die Arbeit – da mischen wir uns nicht ein.

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Wir haben viele langjährige Mitarbeiter gehabt. Die konnten kommen, wenn sie etwas auf dem Herzen hatten. Dann konnten sie reden. Und gerade langjährige und ältere Mitarbeiter haben ein feines Gespür.

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Das Mitmenschliche nicht zu verlieren! - möchte ich Mitarbeitenden mit auf den Weg geben. Der Mensch fordert sie. Jeder auf seine Weise. Der eine durch seine Krankheit, der andere durch sein Alter. Wichtig ist, dass man den Menschen in seiner Situation abholt, dass ich verstehe, wie ich das mache. Das der Mensch an sich im Mittelpunkt steht.

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Interview mir Sr. Cypriana

*23.06.1930
in Bukowina (vorm. Österreich)

Wann und wo wurden Sie geboren?
Meine Vorfahren waren Siedler. Sie kamen aus Schwaben. Wir haben zu Hause schwäbisch geredet. Die Bukowina gehörte damals zu Österreich. 1940 kam es zum Hitler-Stalin-Pakt. Das hatte zur Folge, dass die Deutschen umgesiedelt wurden – nach Schlesien und überall hin. Die Polen wurden vertrieben und die Deutschen kamen. Wir sind zunächst nach Hindenburg ins Lager gekommen. Danach wurden wir auf dem Gebiet von Polen angesiedelt. Das war nicht besonders lustig. Dort haben wir bis 1945 gewohnt. 1945 kam der Russe. Dann mussten wir flüchten. Wir sind dann zuerst ins Sudetenland gekommen und dann nach Thüringen. Von Thüringen kam ich nach Küllstedt. Man muss dazu sagen, dass alle Orte, an denen ich zuvor gelebt hatte, eine Diaspora waren. Und dann kam ich nach Küllstedt, ins katholische Küllstedt. Erst dort wurde ich so richtig katholisch.

Wie alt waren Sie da?
16 (Jahre)

Das heißt, Sie kamen aus gar keinem besonders religiös geprägten Elternhaus?
Nein, nicht sehr. Meine Mutter war sehr gläubig, aber sonst eher „normal“. Also nicht so übermäßig, dass wir immer gebetet haben. Das gab es bei uns nicht. Das war auch schon aufgrund der gesamten Umstände nicht gegeben.

Über Küllstedt bin ich dann nach Köln gekommen und habe dort die Krankenpflege erlernt.

Ich muss noch einmal einen Sprung zurück machen. Sie sagten, dass Sie mit 16 Jahren in Küllstedt angekommen sind. Hatten Sie noch Geschwister?
Ja, ich hatte noch 4 Geschwister.

Sind Sie in der Mitte, die Älteste oder die Jüngste?
Ich war die Jüngste.

Das heißt, in Küllstedt sind Sie zum ersten Mal in Kontakt gekommen mit Schwestern …
Was haben die Schwestern dort gemacht?
Die hatten dort ein Krankenhaus. Wir kamen nach Thüringen. Dort waren wir zunächst auf dem Land. Dort gab es keine Ausbildungsmöglichkeiten und es war das Kriegsende. Zudem hatte ich keinen Schulabschluss. Das war auch noch mein Problem. So kam ich nach Küllstedt mit dem Gedanken, an einen Schulabschluss zu kommen. Ich hatte das Glück, dass mir der Rektor der Schule, der mich noch aus den Kriegsjahren kannte, die Reife des 8. Schuljahres bestätigt hat. Somit hatte ich einen Schulabschluss und die Möglichkeit, die Krankenpflege zu erlernen.

Das war Ihr Berufswunsch – die Krankenpflege?
Ja, aber das kam erst in Küllstedt. Erst dort kam dieser Berufswunsch auf. Wir waren ja irgendwie zerrissen. Durch die Flucht konnten wir überhaupt nicht planen. Doch dann kam ich zur Krankenpflege. Dort habe ich auch die Schwestern kennengelernt. Und ich muss sagen – ich bin immer auf gute Menschen gestoßen. Die haben mich dann auch an die Hand genommen. Was wir da gemacht haben als junge Leute, das war so eine Art Haushaltsausbildung: halbes Jahr Küche, halbes Jahr Waschküche, halbes Jahr Station. Ich hatte das Glück, in der Zeit schon viel in der Krankenpflege arbeiten dürfen – mit den Schwestern. Die haben mich mitgenommen zu den Kranken. Die Schwestern haben nicht gesagt, „Du bist jetzt hier zum Putzen und zum Essen austragen“, sondern sie haben mich mitgenommen in die Pflege. Das hat mich angesprochen. Und auch der Umgang mit den Schwestern hat mich ein Stück geprägt.

Inwiefern?
Ich muss dazu sagen – ich hatte ein unheimliches Heimweh als ich zu den Schwestern kam. Und wenn ich nach Hause wollte, dann musste ich entweder 6 Kilometer zur Bahn laufen, weiter mit der Bahn und dann noch 3 Kilometer oder den gesamten Weg bis nach Hause. Deshalb habe ich bei den Schwestern gewohnt. Alle 14 Tage haben sie mir die Narrenfreiheit zugestanden und haben mich nach Hause fahren lassen. Ich bin samstagsmittags nach Hause gefahren und montagmorgens musste ich schon wieder um 5 Uhr aufstehen. 3 Kilometer zur Bahn laufen und danach 20 Kilometer zu Fuß bis Küllstedt.

Wie lange waren Sie da unterwegs?
5 Stunden. Da kam ich mittags an und dann habe ich meinen Dienst angefangen.

Das heißt, nachdem Sie um 5 Uhr morgens raus und all die Kilometer gelaufen sind, haben Sie noch gearbeitet?
Ja! Das habe ich ein halbes Jahr so durchgezogen und die Schwestern mit mir. Ich muss sagen, da hatten die eine hohe Toleranzgrenze, denn das war nicht üblich, dass man erst mittags zum Dienst kommen konnte. Danach war es gut. Nach dem halben Jahr war das Heimweh überstanden. Da ist in mir der Gedanke zur Krankenpflege gereift. Aber Küllstedt war ja DDR und Köln lag im Westen. Um dorthin zu gelangen, mussten wir schwarz über die Grenze.

Wie haben Sie das gemacht?
Ja… Das war so: Eine Schwester musste auch nach Köln und die ist mit mir los. Die Schwester wurde geschnappt und festgesetzt. Das Problem war – sie hatte das gesamte Geld bei sich. Die Grenzer haben sie auf Geld abgesucht und somit war das Geld weg. Die Schwester wurde eine ganze Nacht festgesetzt. Ich nicht, aber die Schwester. Ich habe gedacht, „So kannst du nicht zurückfahren. Ich kann sie jetzt nicht hier allein zurücklassen.“ Daraufhin habe ich mich mit Küllstedt in Verbindung gesetzt. Übrigens kann ich heute gar nicht mehr sagen, wo ich damals die Nacht verbracht habe. Wahrscheinlich auf dem Bahnhof oder so. Auf jeden Fall bin ich nicht nach Hause gefahren. Mittlerweile war ich 19 Jahre alt.

Also sind Sie dortgeblieben, wo die Schwester festgesetzt wurde…
Ja! Am nächsten Mittag wurde sie freigelassen. Sie wurde dann abgeholt. Ich wusste aber genau, „wenn du jetzt nach Hause gehst, kommst du nicht mehr weg“. Ich bin dann wieder zu den Schwestern und da war eine Schwester, die hat gesagt, „Wenn du jetzt nicht gehst, dann machst du es nie mehr“. Ich war dann 3 Tage in Küllstedt. Ein Bauer – die Schwestern kannten ihn – hatte ein Stück Feld an der Grenze. Und dann hat dieser Bauer mich mit seinem Traktor bis an die Grenze mitgenommen. Ich trug einen alten Kittel, wie man ihn trug wenn man aufs Feld ging. Ich hatte kein Geld. Die Oberin aus Küllstedt hat in Göttingen in einem anderen Schwesternhaus angerufen. Die Schwestern aus Göttingen haben mir dann eine Fahrkarte gekauft. Das war alles, was ich hatte. Ich hatte keinen Pfennig Geld. Das muss man sich vorstellen…

Das heißt, Sie haben sich ohne einen Cent (Pfennig) auf den Weg gemacht?
Ja, genau. Ab der Grenze musste ich allein weiter. Da ging keiner mehr mit. Ich bin dann über die Grenze. Das hat auch alles gut geklappt.

Hatten Sie Angst?
Noch nicht mal. Ich glaube, wenn ich Angst gehabt hätte, hatte ich es nicht gemacht. Das war für mich so selbstverständlich. Mir war klar, „Du musst das machen!“. Als ich Göttingen erreicht hatte, kam die Schwester und hat mir die Fahrkarte gebracht.

Wie haben Sie sich denn überhaupt orientiert? Sie sind bis zum Feld gekommen und dann hat Ihnen der Bauer gesagt …
… „da musst du gehen.“ Und dann bin ich gegangen.

War da eine Straße oder wie haben Sie sich orientiert, dass Sie nach Göttingen gekommen sind?
Wie ich da durchgekommen bin, weiß ich gar nicht mehr genau. Vieles habe ich wahrscheinlich einfach im Affekt gemacht. Das weiß ich gar nicht mehr. Irgendwie habe ich den Weg nach Göttingen geschafft. Und dann kam die Schwester mit der Fahrkarte. Ich habe mich in den Zug nach Köln gesetzt. In Kassel musste ich umsteigen. Dort hatte ich 2 Stunden Aufenthalt. Das war mitten in der Nacht. Ohne Geld. Ohne alles. Also bin ich die ganze Zeit auf dem Bahnsteig hin- und her spaziert. Und morgens war ich dann in Köln. Da musste ich natürlich auch zu Fuß weiter vom Bahnhof zum Provinzhaus in Nippes.

Woher wussten Sie denn, wie Sie das Provinzhaus finden?
Da habe ich mich durchgefragt. Wie ich dort ankam, waren da zwei Priester. Den einen kannte ich von Küllstedt und der andere war der Direktor vom Haus. Die beiden haben mich in Empfang genommen, weil ich den einen kannte. Ich habe denen erstmal meine Story erzählt und dann hat mir jeder 5 Mark geschenkt! Sie glauben nicht, wie stolz ich war, ZEHN Mark in der Hand zu haben! Dann habe ich dort meine Ausbildung angefangen und zu Ende gebracht. Ich habe 2 Jahre in der Krankenpflege gearbeitet und bin dann eingetreten.

Das heißt, als Sie hier hingekommen sind – nach Köln – hatten Sie da schon für sich den festen Vorsatz, Vinzentinerin werden zu wollen?
Nein.

Es ging also erstmal nur um die Ausbildung?
Ja. Ich habe die Ausbildung gemacht und wir mussten ja in der Zeit noch Schulgeld zahlen. Das waren damals
10,- DM im Monat. Dieses Geld habe ich nicht gehabt. Das habe ich stunden lassen und als ich mein Examen gemacht hatte, habe ich es zurückgezahlt. Als ich das alles erledigt hatte, war ich bereit, einzutreten.

Sind Sie durch die Vinzentinerinnen ausgebildet worden?
Die Schule wurde von Vinzentinerinnen geleitet. Es war eine staatlich anerkannte Krankenpflegeschule, aber von Vinzentinerinnen geleitet.

Also entstand dadurch der nähere Kontakt?
Ja.

Dann hatten Sie Ihre abgeschlossene Ausbildung. Wann kam für Sie dieser Moment, in dem Sie gesagt haben, „Ich möchte auch eine von euch werden“?
Das hat sich eigentlich erst nach dem Examen entwickelt. Ich hatte viel Gutes erfahren. Da habe ich gedacht: „Das musst du irgendwie zurückgeben“, denn mich hatten viele Leute an die Hand genommen und mir weitergeholfen. Und dann habe ich gedacht: „Es gibt so viele arme Menschen!“ Durch die Schwestern, durch die lange Zeit, in der ich bei den Schwestern gelebt und mit ihnen gearbeitet hatte, hat sich mein Glaube vertieft. So entstand der Wunsch: „DAS möchtest du auch machen!“

Gab es in Ihrer Entscheidungsfindung einen besonderen Moment oder war es eher ein Prozess?
Es war ein Prozess. Man überlegt, was man machen möchte. Dann hatte ich das Bedürfnis, den Glauben konsequenter zu leben und den Armen zu helfen. Das war mein Antrieb.

Wieviel Zeit ist von Ihrem ersten Kontakt in Küllstedt bis zu Ihrem Eintritt vergangen?
Ich bin 1947 nach Küllstedt gekommen und bin 1949 in die Krankenpflegeschule nach Köln gewechselt.
1953 bin ich dann eingetreten. Es hat sich also langsam entwickelt.

Und wie hat Ihre Familie auf Ihren Entschluss reagiert?
An sich gut. Meine Mutter war eine sehr gläubige Frau und sie sagte, „Wenn dies dein Weg ist, dann geh.“ Ich bin meinen Weg bis dahin gegangen. Ich habe nicht irgendetwas angefangen. Denn als wir in Thüringen waren, mussten wir beim Bauern helfen. Da war ich 16 Jahre. Aber das waren reine Gelegenheitsarbeiten, denn wir waren ja mehr oder minder auf der Straße. Da war ein katholischer Priester, der hat die Jugend von der Straße weggeholt und sie alle ins katholische Eisfeld vermittelt. Sein Ziel war, das wir von der Straße wegkamen und einen Weg fanden. Wir hatten als Jugendliche 1945 gar keinen Weg und keine Perspektive. Wir mussten aufs Feld, beim Bauern mit dreschen und was weiß ich alles tun – mit 16.

Gab es denn bei Ihnen in der Familie irgendwelche Berührungspunkte, dass dort vor Ihnen bereits jemand in den kirchlichen Dienst eingetreten war?
Nein.

Also waren Sie die Erste?
Wir haben ja in der Diaspora gelebt. In Rumänien gab es die Orthodoxen, Polen, Russen und Deutsche. Es war eine Siedlung. Wir hatten auch eine deutsche Schule. Wir sind zweisprachig aufgezogen worden.
Deutsch – Rumänisch.

Können Sie noch Rumänisch?
Das ist leider weg. Ich war 9 oder 10 Jahre alt als wir da weggezogen sind bzw. als wir umgesiedelt worden sind. Als wir dann von Schlesien auch wieder wegmussten, da war ich 14 Jahre. Da war ich fast 4 Wochen
non-stop unterwegs. Auch zu Fuß. Mein Vater war Schuhmacher und wir hatten zwar Pferd und Wagen für Einkäufe, denn damals gab es ja noch nicht die Autos wie heute. Unser Nachbar hat uns mitgenommen, aber da war nicht für alle Platz. So sind wir Jugendlichen dort, wo Platz war, aufgestiegen und wenn kein Platz war, sind wir gelaufen. Als wir im Sudetenland ankamen, war ich sehr krank. Ich hatte eine Lungen- und eine Rippenfellentzündung. Wir waren ja ewig draußen und das Ganze war im Januar. Wir hatten zwar eine Art lange Skihose an, aber die war natürlich völlig durchnässt.

Und als Sie dann Ihrer Familie gesagt haben, „Ich werde Vinzentinerin“, war sie damit einverstanden?
Ja, ich war ja auch schon all die Jahre weg. Ich war erst in Küllstedt und dann in Köln. Von zu Hause war ich ja schon lange weg.

Und Ihre Geschwister – was haben die gemacht?
Die haben das so toleriert.

Hatten Sie denn immer noch einen guten Kontakt zu Ihren Geschwistern?
Ja. Wobei ich sagen muss, dass ich meine Brüder kaum gekannt habe, weil die älter waren. Die habe ich auch nachher nicht mehr gesehen. Die Jüngeren schon. Die Ursache dafür war der Krieg. Meine Brüder waren im Krieg, während ich herangewachsen bin.

Haben alle überlebt?
Ja!

Kommen wir zurück zu Ihrem Eintritt in Köln. Wie ging dann Ihr Leben weiter?
Ich war ja Krankenschwester. Mit Eintritt kamen dann erst mal das Postulat und das Seminar. Nach der Einkleidung kam ich in die dörfliche Ambulanz. Das habe ich sehr gerne gemacht.

Wo sind Sie hingekommen?
Nach Kommern. In die Eifel. Da war ich 3 Monate und dann kam schon die erste Versetzung. Ich kam dann nach Heimersheim. Das angrenzend an die Eifel. Da war ich für 5 Jahre.

Waren Sie dort auch in der dörflichen Ambulanz tätig?
Ja, das war auch eine dörfliche Ambulanz. Da war ich sehr gerne. Dort hatte ich auch noch Jugendarbeit mit dabei. Das hat mir viel Freude gemacht. Von da aus bin ich nach den 5 Jahren nach Köln versetzt worden. Dort wollten sie mich zur OP-Schwester ausbilden, aber das war nicht mein Ding!

Was störte Sie?
Mich störte, dass ich als OP-Schwester nicht bei den Kranken sein konnte. Der Kontakt fehlte mir. Ich konnte mich erinnern, dass ich als Schülerin, während meiner Ausbildung 4 Wochen im OP war. Dann haben sie mich wieder rausgetan, weil es nicht passte. Ich war so blockiert im OP, dass ich das Gefühl hatte, „Ich bin zu blöd, um einen Aufnehmer auszuwringen“. Ich konnte nichts, so blockiert war ich. Ich bin dann zu unserem Direktor gegangen und der hatte gedacht, dass ich in die Ambulanz zurückwollte, aber das war es gar nicht. Ich war zwar gerne in der Ambulanz, aber mir war auch klar, was ich auf mich nahm als ich eingetreten bin.
Dann habe ich geheult, geheult, geheult, was die Socke hielt. Und dann haben die mich doch nach einer Zeit versetzt. Vielleicht nach 8 Wochen… Das war nichts. Ich kriegte nichts auf die Reihe. Von meinem Inneren her wollte ich keine OP-Schwester sein.

Dann bin ich nach Düsseldorf gekommen – auf die Männerstation. Genauer gesagt, auf die chirurgisch-interne Männerstation. Das hat mir aber gar nichts ausgemacht, weil ich in der Ausbildung das Glück hatte, 9 Monate von meinen 2 Jahren Ausbildung auf der Inneren zu arbeiten. Und das bei einer Schwester, die wirklich gut mit uns umgegangen ist. Wir hatten auch einen Oberarzt, bei dem mussten wir Sachen machen, die eigentlich Examinierte machen. Aber unter Aufsicht. Und wir durften auch Medikamente austeilen, mussten Zettel machen. Die Schwester hat das kontrolliert und wehe, es stimmte nicht!

Dadurch war ich für die Station gewappnet. Da hat es mir auch nichts ausgemacht, die Leitung zu übernehmen. Es war ein altes Haus. Das war ich von Köln so gar nicht gewöhnt. Diesen Behelf, den die da hatten. Ich kann mich noch an folgende Situation erinnern: Es war Visite und der Internist war ein bisschen „speziell“ und die Hygienemaßnahmen waren auch noch nicht so weit, wie ich es gewöhnt war. Ich habe dann immer gesagt: „Das geht gar nicht!“. So fanden wir uns in der Situation wieder, dass ein Patient einen Abszess hatte. Während dieser Visite hat mich der Internist zur Minna gemacht. Da habe ich ihm gesagt, „Herr Chefarzt, ich bin erst 8 Tage hier, der Abszess kann nicht von mir sein“. Natürlich war das eine böse Sache und so kam auch noch der Chirurg dazu. Dann haben die beiden Männer miteinander geredet. Daraufhin ist der chirurgische Chef zu meiner Oberin gegangen und hat ihr gesagt, „Wenn SR Cypriana jetzt gleich kommt und etwas sagt, schimpfen Sie nicht mit ihr, denn das, was der Internist sich da geleistet hat, war schlimmer als der Abszess.“ Ich hatte überhaupt nicht daran gedacht, zur Oberin zu gehen – denn mich traf ja keine Schuld. Ich habe nur gedacht: „Der kann reden, was er will – du hast nichts gemacht.“ Zum Glück konnten wir die hygenische Situation aber bald verbessern. Es kam noch eine Assistentin dazu, die hat uns dann geholfen, das Behelfszimmer, das wir hatten, zu verändern.

In welchem Jahr befinden wir uns jetzt?
Wir befinden uns in den 60er Jahren.

Wie lange sind Sie als Stationsleitung am Krankenhaus in Düsseldorf geblieben?
35 Jahre. Aber nicht nur auf der Station. Ich habe dort einige Stationen durchlaufen. Aber die gesamte Zeit in dem gleichen Krankenhaus.

War auch das ein Vinzenzhaus?
Ja. Ich kam 1960 dahin. 1965 kriegten wir eine neue Oberin und die hatte die Idee, mich da zu ihrer Assistentin zu machen und hat mich dann von der Station weggeholt.

Wo sind Sie dann hingekommen?
Ich bin da im Haus geblieben – in der Zwischenzeit hatten wir einen Neubau – da habe ich mich auch mit um die Einrichtung gekümmert. Und, wie ich eben schon gesagt habe, ich habe immer viele gute Leute um mich herumgehabt. Ich war ja Krankenschwester und meine Assistenzstelle ging dann ins Verwaltungsmäßige rein.

Wissen Sie, warum die Oberin Sie haben wollte?
Nein, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich nach Köln kommen sollte. Ich habe mich gefragt: „Was sollst du in Köln?“, denn ich war gerne Stationsschwester und selbst mit unserem besonderen Internisten kam ich im Laufe der Zeit ganz gut zurecht. Wir Zwei kannten uns und wussten, wie wir einander zu nehmen hatten. In meiner Position hat mich die Oberin überallhin mitgenommen, quasi regelrecht an die Hand genommen. Zu jeder Besprechung oder überall sonst – sie hat mich mitgenommen. Sie hat mich auch zu diversen Fortbildungskursen geschickt.

Man muss bedenken – es waren die 60er Jahre. Da tat sich einiges in Sachen Arbeitsrecht und allem Möglichen. Auf diese Weise habe ich mich immer weiter fortgebildet und reingearbeitet. 1973 wurde die Oberin versetzt. Da kam dann eine andere zwischendurch. Aber 1973 wurde ich dann zur Krankenhausoberin ernannt und das habe ich bis 1995 gemacht. In der Zwischenzeit hatten wir noch eine andere Oberin für die Schwestern bekommen, denn sonst oblag mir auch noch die Sorge für die Schwestern. Das bedeutete für mich weniger Hin und Her.

Was geschah dann?
Nach 35 Jahren kamen die auf die Idee, mich nach Köln zu holen. So wurde ich 1995 Provinzoberin. Gegen diese Entscheidung habe ich mich mit Händen und Füßen gewehrt! Ich habe denen alles aufgetischt, was ich nicht konnte, aber es gab kein Erbarmen.

2004 war meine Zeit zu Ende. In Bad Godesberg war die Oberin plötzlich und unerwartet verstorben und dann kam die Überlegung auf, wen man in Godesberg einsetzen könnte und dann habe ich gesagt: „Wenn ihr warten könnt bis ich meine Zeit hier umhabe, dann übernehme ich das.“ Und so kam es, dass ich zwischen Köln und Godesberg gependelt bin. Aber ich war das Pendeln schon gewohnt, denn als ich aus Düsseldorf abberufen wurde, ist meine dortige Nachfolgerin an Brustkrebs erkrankt. Sie musste operiert werden und somit gab es dort niemanden. Es war ein großes Haus. Wir hatten 365 Betten. Ich habe gesagt: „Ich kann hier in Köln nicht die Kelle fallen lassen“, aber ich bin dann zwischen Düsseldorf und Köln gependelt. Somit wusste ich, was Pendeln bedeutet.

Wie lange sind Sie dann noch zwischen Köln und Bad Godesberg gependelt?
Das waren bestimmt noch 3 Monate. Allerdings hatte ich hier in Godesberg noch eine Mitschwester, die vorher Visitatorin gewesen ist. Sie hat mich gut unterstützt. In der Zeit gingen auch die Überlegungen los, wie wir mit der Tatsache umgehen sollten, dass wir immer weniger Schwestern werden. Meine Position hier in Bad Godesberg bezog sich nicht mehr auf das Haus, sondern nur auf die Schwestern. Es gab schon vorher „Laien“ – natürlich wir sind alles Laien – doch nun gingen wir dazu über, Laien in Leitungspositionen zu bringen. Das war in Bad Godesberg damals auch schon der Fall.

Ab wann ging das hier los, dass Sie Laien in Leitungspositionen gebracht haben?
Da war ich noch in Köln… Ich denke, dass wir so rund um das Jahr 1992 damit angefangen haben.

Wie war dieser Schritt für Sie?
Für mich persönlich nicht schlimm, weil ich das kommen sah. Wir mussten uns vorher schon damit auseinandersetzen. Jedoch war dieser Schritt für die Mitarbeiter und die neuen Einrichtungsleiter nicht leicht. Und in der ersten Zeit haben auch ziemlich viele gewechselt. Aber ich denke, das war dem Umstand geschuldet, dass sich die Dinge nun veränderten.

Sie selbst hatten bereits im Krankenhaus gemeinsam mit Laien gearbeitet. Die Leitungen Ihrer Einrichtungen nun in die Hände von Laien zu geben, war das für Sie ein schwerer Schritt?
Für mich nicht. Wir hatten ja bereits das Krankenhaus in Düsseldorf in einen Verbund gegeben. Das bedeutet, dass wir alles aus der Hand gegeben hatten. Da waren wir nur noch im Aufsichtsrat mit drin und das wars.

Wie haben Sie für sich die Zusammenarbeit zwischen Ihren Angestellten und den Schwestern erlebt?
An sich lief es gut. Wir hatten im Grunde immer ein gutes Verhältnis zu den Mitarbeitern. Und ich muss sagen, dass ich bis heute noch Verbindung nach Düsseldorf habe. Ich hatte letzte Tage noch Besuch von der Leiterin der Ehrenamtlichen.

Gehen wir noch einmal zu dem Zeitpunkt zurück, an dem Sie Provinzoberin geworden sind. Sie haben gesagt, dass Sie sich „mit Händen und Füßen dagegen gewehrt haben“. Wieso wollten Sie das nicht?
Das war eine große Verantwortung. Und ich habe gedacht, „Das kannst du nicht!“ Man muss bedenken: Ich bin 1930 geboren, 1940 erste Flucht, Schulunterbrechung, nächste Flucht, wieder Schulunterbrechung – ich hatte so viele Schulunterbrechungen. Wenn man so will, waren meine acht Schuljahre sehr unterbrochen. Und so habe ich gedacht, dass ich die Verantwortung für all die Mitschwestern nicht tragen kann. Die Schwestern und ihre Belange sind ja nur ein Part – es ist ja auch das Wirtschaftliche.

Was für Aufgaben hat eine Provinzoberin?
Zunächst einmal muss ich sagen, dass man sich auch Hilfe holen kann. Ich habe mir Unterstützung bei der Beratungsgesellschaft „Solidaris“ geholt. Die haben mich beraten, weil man das alles nicht allein kann.
Aber – als Provinzoberin ist man praktisch für alles verantwortlich, was die Provinz anbelangt. Man ist für die Schwestern verantwortlich und gemeinsam mit der Ökonomin ist man auch für das Wirtschaftliche verantwortlich.

Und dann haben Sie doch zugestimmt?
Ich hatte keine andere Wahl. Die Entscheidung basiert auf einer Umfrage bei den Schwestern und wer die meisten Stimmen hat, wird gewählt. Und da meine vorherigen Beurteilungen nicht schlecht waren, haben meine Mitschwestern mir meine Zweifel nicht so abgenommen.

Wie war es für Sie als Sie dann letztendlich in der Position der Oberin waren? Haben Sie sich damit anfreunden können?
Das ist bei mir so: Wenn ich eine Sache machen muss, dann hänge ich mich rein. Dann setze ich alles dran, das es gelingt. Und dann tue ich auch etwas für mich, in dem ich mich weiterbilde. Ich habe mal einen Wochenendkurs in Frankfurt mitgemacht, zum Thema Alkoholiker. Ich habe immer gesagt, „Ich muss wissen, worüber ich rede“. Das war mir wichtig.

Sie haben gesagt, dass Sie begleitet worden sind durch die „Solidaris“. Was ist die „Solidaris“?
„Solidaris“ ist eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Ein großes Unternehmen. Die haben wir zur Prüfung unserer Bilanzen im Haus und die konnte ich stets fragen, wenn mir etwas unklar war. Oder wenn es Besprechungen zu Themen gab, in denen ich nicht firm war. Ich habe nie etwas nach dem Motto „Das machste mal einfach“, getan. Da habe ich mir die Leute geholt und dann habe ich meine Fragen gestellt und gelernt.

Ich hatte mir angewöhnt, sobald es bei den Sitzungen etwas gab, das fragwürdig war, zu sagen „nur zu meinem Verständnis – habe ich Sie richtig verstanden?“. Auf diese Weise habe ich vieles hinterfragt und kam gut zurecht. Im Laufe der Zeit wächst man auch in die Aufgaben hinein.

Und das haben Sie dann bis 2004 gemacht?
Ja, dann war meine Zeit rum. Das waren 9 Jahre.

Ist dieser Zeitraum festgelegt?
Ja, der ist festgelegt.

Und danach kann man nicht noch einmal Provinzoberin werden?
Nein, danach nicht mehr. Das ist so festgeschrieben. Gott sei Dank!

Wenn ich richtig gerechnet habe, sind Sie in einem Alter Provinzoberin geworden – mit 65 Jahren – in dem andere in die Rente gehen…
Ja, das stimmt genau.

Aber für Sie war damals klar, dass Sie auch noch weitermachen wollten?
Ja, da war ich auch noch fit! Und 2004 habe ich dann die Leitung der Schwestern hier in Bad Godesberg übernommen. Aber wir hatten auch mit den Mitarbeitern einen guten Kontakt. Das ist auch heute noch so. Die haben die Leitung. Die machen die Arbeit – da mischen wir uns auch nicht ein.

Sie sagen gerade, dass Sie sich nicht einmischen. Aber was tun Sie, wenn Sie feststellen, dass Dinge nicht in Ihrem Sinne laufen?
Dann sagen wir etwas. Man muss nur wissen, wie man es verkauft, das sage ich immer. Wie gesagt, ich war ja 35 Jahre in Düsseldorf und davon war ich 30 Jahre auch Pflegdienstleitung. Auch da hatten wir mit den Mitarbeitern ein überwiegend gutes Verhältnis. Natürlich – etwas ist immer mal.

Das alles Entscheidende ist – man muss mit den Leuten reden.

Nur mal ein Beispiel: Ich hatte eine Laborleiterin, die wusste genau, dass wir kein Personal mehr einstellen können, aber sie hatte ich regelmäßig auf der Matte, um mir zu sagen, dass sie Personal braucht. Und dann habe ich sie reden lassen. Nachdem sie 1 ½ Stunden bei mir gesessen und sich beklagt hatte, neben ihrem Wunsch nach Personal kamen auch viele persönliche Sachen, gelang es uns, einen Kompromiss zu finden. Dann war erstmal eine ganze Zeit lang Ruhe, bevor sie wiederkam.

Man muss seine Mitarbeiter kennen. Wir haben viele langjährige Mitarbeiter gehabt. Es gab nicht viele Wechsel.

Wie haben Sie sich erklärt, dass die Leute so lange geblieben sind?
Ich denke, in dem sie sich verstanden fühlten. Die konnten kommen, wenn sie was auf dem Herzen hatten. Dann konnten sie reden. Und gerade langjährige und ältere Mitarbeiter haben ein feines Gespür. Ich weiß noch, wie an einem Weihnachten eine Mitarbeiterin, die in ihrem Leben viel mitgemacht hatte, mir ausführlich von ihren Problemen erzählt hat. Währenddessen habe ich ganz verstohlen auf die Uhr geguckt, weil ich Weihnachten ja auch bei den Schwestern sein wollte. Jedenfalls hat sie es sofort gespürt. Das habe ich bis heute im Kopf.

Wie nehmen Sie für sich die Entwicklung wahr, dass es kaum noch Schwestern in Ihren Einrichtungen gibt?
Ja… Es ist eine andere Zeit. Das muss man sich vergegenwärtigen. Die zu bewältigenden Aufgaben haben sich vollkommen verändert. Die Zeit, wenn ich so überlege, die Zeit, die wir noch für Patienten hatten, die muss heute in Bürokratie gesteckt werden. Da muss so vieles dokumentiert werden. Natürlich muss Dokumentation sein, das ist auch gut, aber ich frage mich manchmal, ob manches dokumentiert anstatt getan wird… Es ist schwierig. Und ich würde den Teufel tun und da irgendein Urteil fällen. Die Menschen in der Pflege haben es heutzutage nicht leicht. Die Kontrollen, die die heute haben, die hatten wir nicht. Für alles Mögliche kommt die Heimaufsicht.

Und nach was gucken die?
Nach der Dokumentation! Und wenn die nicht stimmt, haben sie ein Problem. Das Traurige ist, dass das Menschliche verloren geht. Das ist schade. Und ich denke, das ist es, was die Mitarbeiter auch so auslaugt und mürbe macht. Wir haben zu meiner Zeit schon mit diesen „Schreibereien“ gekämpft. Wir haben sogar versucht, einen Weg mit Stationssekretärinnen aufzubauen, aber das hat nicht funktioniert.

Wenn wir nun ein paar Jahre zu dem Zeitpunkt vorspulen, an dem es keine Schwester mehr in den Einrichtungen geben wird… Was ist Ihr Wunsch – was möchten Sie einem Mitarbeiter, der in 5 oder 8 Jahren anfängt, hier zu arbeiten, mit auf den Weg geben?
Das Mitmenschliche nicht zu verlieren! Es ist vollkommen egal, ob sie bei kranken Menschen sind, bei alten Menschen oder bei behinderten Menschen – der Mensch fordert sie. Jeder auf seine Weise. Der eine durch seine Krankheit, der andere durch sein Alter.

Wichtig ist, dass man den Menschen in seiner Situation abholt, dass ich verstehe, wie ich das mache. Dass der Mensch an sich im Mittelpunkt steht.

Natürlich liegt es auch an uns, noch das zu tun, was wir noch tun können. In Düsseldorf haben wir es zum Beispiel so gemacht, dass wir mit den Stationsleitungen und den Vertretungen ein Wochenende weggefahren sind. Und dort haben wir solche Sachen durchgearbeitet. Wir haben es uns schön gemacht, so dass wir von allem etwas hatten. Wir hatten immer viel Freude dabei! Da war ich auch immer mit dabei. Die Unterrichtsschwester und ich waren immer mit unseren Mitarbeitern unterwegs. Wir waren dann auch manchmal gemeinsam spazieren. Da wurde alles Mögliche besprochen und das miteinander reden hatte eine große Bedeutung und Wirkung. Man muss auch da investieren. Das ist sehr wichtig!

Wenn Sie nun an all Ihre Dienstjahre zurückdenken – fällt Ihnen aus dieser Zeit ein besonderes Erlebnis ein?
Wenn ich so zurückschaue, kommt mir als Erstes Dankbarkeit. Dass ich das, was man mir zugemutet hat, auch mit meinen Kräften ausführen konnte. Dafür bin ich dankbar. Und dafür, dass ich immer Leute gefunden habe – denn egal, wo ich war – es gab immer Menschen, die mich an die Hand genommen haben. Entweder haben sie gesagt, „Du kannst das“ oder „Stell dich nicht so an“ oder sie haben mir die Freiheit gelassen, meinen Weg zu finden und zu gehen. Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Ich versuche auch immer, wenn ich mit jemandem spreche, ihn zu verstehen. Man muss zuhören. Denn wenn ich nicht richtig zuhöre, kann ich auch nicht richtig antworten. Und wenn ich zuhöre, verstehe ich besser. Ich habe auch in der Personalführung immer versucht, den anderen zu verstehen.

Und da Sie nach besonderen Erlebnissen gefragt haben… Mir fällt gerade eine Krankenschwester ein. Sie hat bei uns gelernt und ihr Examen gemacht. Sie hat bei uns zuletzt in der Nachtwache gearbeitet und später gekündigt. Sie hatte einen Mann und zwei Kinder. Nachdem sie von uns weggegangen ist, hat sie bei einem Pflegedienst gearbeitet. Während einer Dienstfahrt hat sie einen Schlaganfall bekommen. Das Ganze passierte an einer Ampel. Dort ist sie bewusstlos zusammengebrochen. Sie war ins Koma gefallen und wurde nicht mehr wach. Sie kam später in eine Einrichtung, in der Komapatienten behandelt wurden. Das war für die Familie besonders tragisch, da die Kinder noch klein waren. Sie war so um die 30 Jahre alt.

Als sie dort in die Einrichtung kam, hatte ich sie bestimmt 4 oder 5 Jahre nicht gesehen. Dann fanden in unserem Haus in Kommern Exerzitien statt und eine Mitschwester fuhr dorthin und so entschloss ich mich, mitzufahren. Ich sagte, dass ich bei der Gelegenheit unsere ehemalige Krankenschwester besuchen gehen wollte. Wir kamen dort an und uns wurde mitgeteilt, wo sie liegt. Sie lag in einem Dreibettzimmer und ich habe sie nicht erkannt. Ihr Gesicht war von all dem Kortison vollkommen aufgedunsen. Dann habe ich auf den Nachttisch geschaut. Dort standen drei Schälchen mit Medikamenten und auf einem stand der Familienname. Dann habe ich geschaut und gedacht: “Ja, das muss sie sein.“ Dann bin ich zu ihr ans Bett gegangen und habe sie an der Hand genommen und sie mit ihrem Namen angesprochen. Da zuckte es bei ihr im Auge. Das hat sie verstanden. Da bin ich mir vollkommen sicher. Das ist so ein Erlebnis, das man nicht vergisst. Wir hatten uns Jahre nicht gesehen und ich bin mir sicher, dass es ein Erkennen gab. Das hat mich zutiefst berührt.

Eine weitere Besonderheit war meine erste Fahrt nach Paris mit Schülern und Mitarbeitern. Die Fahrt war spannend. Dort hat uns die deutschsprachige Schwester empfangen, aber auf die französische Art. Das heißt, Küsschen rechts, Küsschen links. Wir kannten das nicht und hatten das nicht erwartet. Wir haben uns kaputtgelacht. Danach haben wir gesagt: „Jetzt waschen wir uns nicht mehr.“

Wie ist es für Sie, im Mutterhaus in Paris zu sein?
Die Rue de Bac ist ein ganz besonderer Ort. Wenn man den Gang entlangkommt und dann in die Kapelle geht, wird man von einer ganz besonderen Atmosphäre empfangen. Da kann man zur Ruhe kommen. Ich wundere mich nicht, dass dort so viele Leute hinkommen. Was mich gewundert hat als wir mal über 4 Wochen dort waren – wenn sie morgens so gegen 8, halb 9 in die Kapelle gehen, da kommen diverse Herren rein, gekleidet in Anzug, Krawatte – alles. Sie gehen dann nach vorne bis an die Kommunionbank, knien sich hin, beten und gehen. Das ist wirklich sehr ergreifend.

Seit vielen Jahren hält sich die Geschichte, dass sich eine Frau mit Selbstmordgedanken getragen hat und an die Seine wollte. Sie hat sich ein Taxi bestellt, dem Fahrer einen Zettel gegeben, mit dem Auftrag, sie an die Seine zu fahren. Der Fahrer hat stattdessen an der Rue de Bac gehalten. Daraufhin hat die Frau zu dem Fahrer gesagt: „Hier wollte ich nicht hin.“ Und dann hat der Fahrer gesagt: „Hier, ihr Zettel.“ Auf dem Zettel stand als Fahrziel Rue de Bac.

Es passieren Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann man nicht erklären…

Sie haben auch mitbekommen, wie das Leben außerhalb der Gemeinschaft ist und war. Gab es jemals etwas, das Sie vermisst haben?
Nein, ich hatte auch nie den Gedanken, dass ich selbst eine Familie haben wollte. Und auch darüber hinaus habe nichts vermisst.

Und wenn Sie heute noch einmal vor der Entscheidung ständen, Schwester zu werden – würden Sie sich wieder so entscheiden?
Ja!

Wenn Sie „draußen“ unterwegs waren, haben Sie festgestellt, dass Sie anders wahrgenommen worden sind?
Das ist ein interessantes Thema, dass wir auch schon einmal in einer Generalversammlung hatten. Mir persönlich ist das nie passiert. Bei anderen war das schon ein Thema. Als ich mal in Rom war, habe ich darüber auch mit einer Mitschwester gesprochen. Ich habe dann zu ihr gesagt: „Wir beide gehen heute Abend raus. Wir gehen auf die Plazza Navona und holen uns ein leckeres Eis. Dann setzten wir uns auf die spanische Treppe und schauen, wer sich nach uns umguckt.“ Gesagt, getan – kein Mensch hat von uns Notiz genommen.

Das war auch ein Thema, wenn wir mit unseren Schülern auf Studienfahrt waren. Wir sind mit denen abends rausgegangen. Meistens hatten wir so 30 Schüler und die waren froh, wenn wir bei ihnen waren – dann hatten sie einen Schutz. Meistens ging Pater Witzel voraus. Die Unterrichtsschwester ging irgendwo in der Mitte und ich bildete den Schluss. Weder unsere Schüler noch irgendwelche Passanten fanden das komisch. Im Gegenteil – wir hatten mal eine Blondine, die richtig angemacht worden ist und die hat sich dann immer zu uns gerettet.

Aber mir persönlich ist nie etwas Komisches passiert.

Einmal hatten wir von der Föderation in München eine Tagung. Abends wollten wir mit einer Reihe von Schwestern in die Maiandacht. Aber wenn sie den ganzen Tag nur Vorträge und Diskussionen haben, da ist man abends durch. Dann haben wir entschieden, nicht in die Andacht zu gehen. Eine Mitschwester sagte: „Ich habe ein Auto. Wir fahren in die Stadt.“ Dann sind wir abends in die Stadt gefahren. Die Generaloberin der Münchener Provinz war auch dabei. Wir haben dann auf einem Marktplatz zusammen ein Eis gegessen. Wir saßen im Kreis und hinter uns saß ein junges Paar. Die haben uns die ganze Zeit beäugt. Auf einmal sagte der junge Mann: „Schwestern, dürft ihr auch rauchen?“ Da drehte sich die Generaloberin von München um und sagte: „Dürfen schon, mögen nicht!“ Daraufhin haben sie nichts mehr gesagt.

Einmal auf dem Weg in den Süden musste ich die Züge wechseln. Also stand ich auf dem Bahnsteig. Dann kam eine Mutter mit ihrem Kind. Sie fragte mich dann, ob ich das Kind kurz halten und auf den Koffer aufpassen könnte, da sie nach ihrem Wagon schauen musste. Daraufhin hat mich eine andere Schwester später gefragt: „Was hätten Sie gemacht, wenn die Frau nicht wiedergekommen wäre?“ Dann habe ich gesagt, dass ich versucht hätte, das Kind nach Hause zu bringen.

Aber sonst? In Rom, im Petersdom kam mal eine Frau. Da war ich ziemlich braun gebrannt. Daraufhin hat die Frau wahrscheinlich gedacht, dass ich eine Italienerin bin. Jedenfalls hat sie mir ihr Kind in den Arm gedrückt und von uns beiden ein Foto gemacht. Aber das waren alles nette Erlebnisse.

Was macht die Gemeinschaft der Vinzentinerinnen für Sie zu etwas Besonderem?
Wir sind kein Orden im herkömmlichen Sinne. Was mich so besonders anspricht, ist, dass wir für den Menschen da sind. Für mich war immer der Mittelpunkt der Mensch. Und dass ich für andere da sein kann und ihnen helfen kann – verbunden mit meinem Glauben.