Sr. Balbina

Interview mit Sr. Balbina

Seit wann sind Sie bei den Vinzentinerinnen?
Ich bin im April 1946 ins Postulat gekommen.

Wie sind Sie zu den Vinzentinerinnen gekommen?
Ja, das war eine Geschichte … Die kennt man bei uns eigentlich nicht, aber wir hatten einen Flüchtlingspfarrer, der kam aus Berlin und der kannte die Schwestern aus Berlin. Er war Kaplan in einer Pfarrei, wo die Vinzentinerinnen eine Niederlassung hatten. Während des Krieges kam der Flüchtlingspfarrer nach Bamberg und dann nach Leutenbach und war dort als Geistlicher tätig. Er hat mich später zu den Vinzentinerinnen nach Köln geschickt.

Kamen Sie aus einem gläubigen Elternhaus?
Ja!

Hatten Sie Geschwister?
Ich habe eine Schwester.

Der Bezug zum Glauben und zum Praktizieren, den gab es also schon zu Hause?
Ich wurde in ein sehr katholisches Elternhaus hineingeboren und Ordensschwester waren in unserer Familie keine Seltenheit.

Sie hatten also schon mehrere Schwestern in der Familie?
In der Familie meiner Tante sind von fünf Kindern vier ins Kloster gegangen.

Also war es in Ihrer Familie eine „gelebte Tradition“?
Ja, das kann man so sagen.

Was ist aus Ihren Cousinen geworden?
Eine von ihnen ist sehr jung gestorben. Eine andere war Kindergärtnerin und ist während des Krieges nach Hause gekommen. Sie ist dann auch dortgeblieben und nicht mehr zurückgegangen.
Meine Taufpatin war auch eine Schwester. Sie war in Amerika. Sie ist mit 96 Jahren in Amerika gestorben.

Wie kam es dann zu Ihrem Entschluss, Schwester zu werden?
Als der Krieg anfing, war ich 13 Jahre alt. Dann kamen die langen Kriegsjahre. Den ersten Kontakt zu den Ordensschwestern hatte ich mit 13 Jahren als ich im Krankenhaus operiert wurde. In diesem Krankenhaus in Forchheim waren Schwestern. Die Schwestern hatten mich eigentlich angesprochen, denn ich wollte gerne Krankenschwester werden.

Also war Ihr Ziel Krankenschwester zu werden?
Ja, ich wollte Krankenschwester werden.

Was waren das für Schwestern an diesem Krankenhaus?
Das waren Mallersdorfer Schwestern. Bei uns in der Gegend waren viele Mallersdorfer Schwestern.

Sie gingen dann aber zu den Vinzentinerinnen …
Ja, das war durch unseren Pfarrer. Der hat mich gemeinsam mit einer Freundin, die aber schon tot ist, nach Köln geschickt.

Wie alt waren Sie damals?
Ich war 20 Jahre alt.

Das heißt, Sie waren nach damaliger Zeit noch nicht volljährig. Was hat Ihr Vater dazu gesagt?
Mein Vater war zuerst dagegen. Ich war seine Jüngste und da wir nur 2 Schwestern waren, war mein Vater traurig. Mein Vater war sehr religiös, aber er meinte, dass ich nach Hause auf den Hof gehöre. Und für ihn war meine Entscheidung schon fast ein Schock als ich sagte, „Ich will ins Kloster gehen.“ Aber ich war so religiös, dass er sich nicht widersetzt, hat. Er sagte, „Wenn der liebe Gott es so haben will – dann ja, in Gottes Namen. Wenn das so Gottes Wille ist, dann geh!“ Mein Vater war auch sehr religiös. Nachdem er seinen Schock überwunden hatte, sagte er, „Wenn du so glücklich wirst, dann geh.“

Wie hat sich die Entwicklung für Sie ergeben, dass Sie für sich den Entschluss gefasst haben, Schwester werden zu wollen?
Ja… Ich wollte nicht heiraten.

Das war Ihnen schon so früh klar?
Ja. Ich wollte nie heiraten. Ich wollte Krankenschwester werden. Ich wollte ins Kloster. Ich wollte eine religiöse Krankenschwester sein.

Ab welchem Zeitpunkt war Ihnen klar, dass Sie das werden wollten?
Das war noch während des Krieges und danach.

Und dann führte Sie Ihr Weg zu den Vinzentinerinnen …
Ja. Zuerst kamen das Postulat und dann das Noviziat. Ich habe Krankenpflege gelernt und habe mein Examen gemacht. Dann war ich in Nippes im Krankenhaus tätig und als ich meine Anerkennung als Krankenschwester hatte, fing ich an zu wandern.

Wohin führte Sie Ihr Weg?
Ich wurde zunächst in die Schweiz geschickt. Das nannte sich zwar Krankenhaus, aber es war mehr ein Pflegeheim als ein Krankenhaus. Das war 1952.

Wo sind Sie in der Schweiz gewesen?
Im Kanton Fribourg.

Wie lange sind Sie in der Schweiz geblieben?
Von 1952 bis 1959.
1959 kam dann die Anfrage für die Mission. In Paris war die 200 – Jahrfeier zum Tode des hl. Vinzenz. Aus diesem Anlass hatte das Mutterhaus in Paris aus jeder Provinz drei Schwestern für die Mission angefragt. In Köln war man jedoch der Auffassung, keine Schwester entsenden zu können, da man einen Rückgang beim Zulauf verzeichnete. In Paris hieß es „Köln macht keine Ausnahme. Ihr müsst mindestens zwei schicken.“ Daraufhin kam ein Rundschreiben von Pater Kaiser, dem damaligen Schwesterndirektor, mit der Aufforderung, dass sich Freiwillige sich für die Mission melden mögen. Daraufhin haben sich sehr viele gemeldet. Als der Brief verlesen wurde, dachte ich zunächst, „Das ist nichts für dich“, doch nach kurzer Bedenkzeit kam mir der Gedanke, „Doch, das will ich angehen“. Ich spürte diesen Wunsch in mir. Aber – ich habe nichts gesagt und mich auch nicht gemeldet. Ich dachte: „Wenn das wirklich Gottes Wille ist, dann wirst du auch gefunden“. So war es dann auch. Ich habe zunächst weiter meine Arbeit gemacht und das Auswahlverfahren war gelaufen. Von den vielen Schwestern, die sich gemeldet hatten, bekam eine die Zusage. Das war eine der Schwestern, die mit mir in der Schweiz war. Dann kam Pater Kaiser zur Visitation und im Zuge seines Besuches erteilte ihm die Schwester, die die Zusage bereits erhalten hatte, eine Absage. Also musste man einen Ersatz für sie suchen. Und die nächste Umgebung war ich. So wurde ich gefragt. Ich habe mir gedacht, „Ja, ist das denn die Möglichkeit?!“ und habe sofort „Ja, ich gehe“ gesagt.

Dann ist es ja genau so gekommen, wie Sie es gesagt und sich gewünscht haben …
Als der Brief kam, hatte ich bereits gespürt, „das will ich angehen“, aber ich habe nichts gesagt. Ich habe mir gedacht, „Du meldest dich nicht“. Mir war klar, „Wenn du wirklich dazu berufen bist und Gott es so will, dann wird man dich auch finden“. Und genau so war es. Ich habe mich nicht gemeldet. Und als meine Mitschwester dann den Rückzieher gemacht hat, habe ich immer noch nichts gesagt. Mir war klar, dass ich es könnte und ich fähig dazu war. Das war im Sommer 1959. Ich kam zurück nach Nippes, um dort am Krankenhaus meine Krankenpflegekenntnisse wieder etwas aufzufrischen. Ende Januar, Anfang Februar 1960 sind wir nach Paris gekommen. Ich war zusammen mit einer weiteren Schwester, die hatte ein Kindergärtnerinnenenexamen. Wir waren die beiden Entsandten der Kölner Provinz. In Paris haben wir einen Monat lang einen Missionskurs mit sämtlich entsandten Schwestern absolviert. Dann wurden wir verteilt.

Was hat in diesem Missionskurs stattgefunden?
Dort hat man uns über die Mission im Allgemeinen unterrichtet. Aber ich muss ehrlich sagen, dass ich persönlich davon wenig profitiert habe. Im Anschluss daran wurden wir dann in die Missionen verteilt.

Das heißt, Sie wussten gar nicht, wohin Sie kamen?
Nein, wir wussten erstmal nicht, wohin wir geschickt wurden.
Und dann hieß es „Die beiden Deutschen gehen nach Madagaskar“. Aus dem Kurs sind wir zu neunt nach Madagaskar gekommen. Eine Schwester aus Österreich war auch dabei. Wir zwei aus Deutschland, zwei Französinnen, eine aus Kolumbien, eine aus Italien …

Mit wie viel Vorlauf haben Sie erfahren, dass das Ziel Madagaskar ist?
Ein paar Wochen. Wir mussten noch auf unser Visum warten. Insgesamt waren wir von Februar bis April in Paris. Von unserem Ziel haben wir im Anschluss an den Missionskurs erfahren.

Wie war das für Sie, als Sie erfahren haben, dass es nach Madagaskar geht? Wussten Sie irgendetwas über Madagaskar?
Nein. Ich wusste gar nichts über Madagaskar. Wir sind nach Madagaskar gegangen, ohne dass wir irgendeine Ahnung von dem Land hatten. Das Einzige, das wir wussten, war, dass sie offensichtlich Bedarf an Schwestern hatten, da wir zu neunt entsandet wurden.

Wie sind Sie dorthin gereist?
Wir sind mit dem Schiff gefahren. Das war wunderbar.

Von wo aus?
Von Marseille aus. Wir waren 2 Wochen unterwegs. Das war sehr schön. Das war ein Frachtschiff. Neben uns war noch ein Pater und eine junge Familie, die zur Ile de Réunion wollte, an Bord. Also sehr wenig Passagiere.

Wie war das für Sie? Sie kamen aus einem kleinen Dorf in Oberfranken, dann waren Sie in der Schweiz, in Paris und dann Madagaskar…
Ich war Schwester. Ich war im Kloster. Ich war auf alles gefasst. Ich war zu allem bereit, was man von mir verlangte. Ich habe mich da nicht widersetzt. Ich war der Auffassung „Wenn ich dahin geschickt werde, dann muss ich da zurechtkommen“. Man muss die Sprache natürlich lernen.

Welche Sprache wurde auf Madagaskar gesprochen?
Amtssprache war Französisch, da es eine französische Kolonie war. Aber die Einheimischen sprachen wenig Französisch. Sie sprachen Madegassisch.

Ich wusste gar nicht, dass es Madegassisch gibt.
Wir sind zunächst 3 Monate im Provinzhaus geblieben, um uns zu akklimatisieren und auch, um die Sprache ein bisschen zu verstehen und um die Leute kennenzulernen. Ich habe mir ein Wörterbuch angelegt:
Deutsch – Französisch; Deutsch – Madegassisch. Und dann Deutsch – Französisch – Madegassisch.

Es war ja so, dass Sie dort in einer vollkommen anderen Welt waren.
Wie hat das auf Sie persönlich alles gewirkt als Sie dort angekommen sind?

Es war eine vollkommen andere Umgebung. Das ist klar. Wir kamen zu einer guten Zeit hin. Es war für dortige Verhältnisse die Winterzeit. Die Sommer sind sehr heiß. So war es eine günstige Zeit für uns, um uns an das Klima zu gewöhnen. Nach einem guten Monat der Eingewöhnung und Akklimatisierung kam ich in ein Krankenhaus. Es war das dortige Provinzkrankenhaus. Das Krankenhaus stand damals noch unter französischer Leitung. Wir hatten französische Ärzte, auch der Verwalter war ein Franzose und das Haus wurde von Frankreich unterhalten. Das hieß, die Patienten waren gut versorgt. Dann kam die Unabhängigkeit, d.h. Madagaskar war keine französische Kolonie mehr, aber das Haus wurde noch weiter von Paris aus finanziert.

Das heißt, in der Zeit, in der Sie da waren, wurde Madagaskar in die Unabhängigkeit entlassen?
Ja. Dann wurde auf einmal alles Madegassisch. Selbst unsere Messe. Es wurde auf Madegassisch gebetet. „Die Engel des Herrn“, der „Rosenkranz“ – all das wurde auf Madegassisch gebetet. Wir hatten auch madegassische Schwestern bei uns. Die waren auch Vinzentinerinnen.

Wie viele Schwestern waren da?
Anfangs waren es noch nicht sehr viele, aber dann hat das Seminar angefangen und daraufhin kamen sehr schnell Berufene.

Ihr Einsatz in Madagaskar lief unter dem Wort „Mission“. Unter Mission habe ich mir bislang immer vorgestellt, dass jemand versucht, Menschen aktiv zu seinem Glauben zu bekehren. Haben Sie das auch getan?
Nein. Ich war im Krankenhaus als Krankenschwester tätig. Zwar kam einmal in der Woche ein Jesuit, der bei den Patienten vorbeiging, aber ansonsten war der Krankenhausbetrieb nicht religiös. Es war neutral. Es war ein normales, weltliches Krankenhaus. Wir waren dort mit vier Schwestern tätig. Unsere Tätigkeit bestand aus regulärer Krankenpflege. Wir haben unsere Arbeit als Krankenschwestern gemacht. In dem Krankenhaus hatten wir eine kleine Kapelle für uns.

Wie lange sind Sie in dem Krankenhaus tätig gewesen?
Dort war ich 6 Jahre. Nach einem Urlaub wurde ich in den Süden Madagaskars versetzt. Dort hatten wir unser Provinzhaus. Von dort aus kam ich dann in ein sogenanntes Aussätzigenheim.

Was hat man sich unter einem Aussätzigenheim vorzustellen?
Auf dem Gelände unseres Hauses, was ziemlich groß war, befanden sich kleine Holzhütten. In diesen Hütten waren die Aussätzigen mitsamt ihren Familien untergebracht. Diese Hütten waren sehr einfach.

Was genau sind Aussätzige?
Leprakranke. Unser Haus befand sich in 7 Kilometern Entfernung zum nächsten Ort. Die Hütten, in denen die Leprakranken untergebracht waren, waren ziemlich primitiv. Sie müssen sich vorstellen, dass ich als deutsche Schwester dorthin kam und geschockt war, als ich das sah. Da ich noch gute Kontakte zur Schweiz hatte, gelang es mir, sowohl aus der Schweiz als auch aus Deutschland Geld zu bekommen. Mit diesem Geld haben wir aus den Holzhütten kleine, aus Stein gemauerte, Häuser gebaut.

Wie viele Aussätzige haben damals dort gelebt?
Oh! Das waren einige Familien mit „Kind und Kegel“. Die Kinder lebten dort mit ihren erkrankten Eltern. Die Eltern waren zumeist nicht mehr ansteckend. Ich kann mich noch an einen Mann erinnern, der hatte keine Hände mehr. Statt Hände waren da nur noch Stümpfe. Aber trotzdem hat er damit gearbeitet. Er hat Holz gehackt und relativ normal gelebt. Manche Familien hatten bis zu fünf Kinder.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein besonderes Erlebnis ein: An einem Samstagabend fuhr ein Lieferwagen vor. Ein Mann stieg aus und brachte ein kleines Bündelchen und sagte „Hier, für dich.“ Er brachte mir ein kleines Kind, ein kleines Mädchen. Die Mutter war gestorben und der Vater wusste nicht, wie er sein Kind ernähren sollte. Zufälligerweise hatten wir ein Aussätzigenehepaar, das nicht mehr ansteckend war und das auch keine Kinder hatte. Die haben das kleine Mädchen genommen und mit aller Liebe großgezogen. Und – ein weiterer Zufall – wir hatten aus Köln von Bayer 2 Dosen Babynahrung bekommen! Das war wie eine Vorsehung. Damit konnten die beiden die Kleine ernähren. Ich bin davon überzeugt, dass das Vorsehung war. Für das junge Paar war es sehr mühsam, die Kleine zu ernähren, denn in den Häuschen gab es keinen Herd. So mussten sie am Anfang mitten in der Nacht raus, um Feuer zu machen und dort die Milch zu erhitzen. Aber die beiden haben das Mädchen mit Hingabe und Liebe großgezogen. Das hat sich alles wunderbar gefügt.

Wie alt war das Mädchen zu dem Zeitpunkt?
Nur ein paar Wochen. Das war noch ein sehr kleines Baby. Als ich wegging, war die Kleine 2 – 3 Jahre alt und war ein liebes, kleines Mädchen geworden. Sie hieß Angeline.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich mit den Einheimischen unterhalten konnten?
Das ging relativ schnell. Die Umgangssprache habe ich bei der Arbeit erlernt. Die Leute haben sich auch auf uns eingestellt. Sie wussten, dass wir uns eingewöhnen mussten. Sie waren uns sehr wohlgesonnen.

Hatten Sie eigentlich jemals Angst, dass Sie sich mit Lepra infizieren könnten?
Nein, das ist gar nicht so ansteckend, wie man meint. Natürlich muss man aufpassen. Wenn man Leute verbindet, muss man Handschuhe anziehen. Man muss darauf achten, nicht an die offenen Wunden zu kommen. Keine unserer Schwestern hat sich angesteckt. Eine Frau hatte einen besonders schweren Verlauf ihrer Krankheit und ist auch daran gestorben. In der Regel wurden die Verstorbenen von den Familien nach Hause geholt und dort begraben. Aber diese Frau nicht. Sie hatte diese schwere Form der Lepra und war noch dazu zum katholischen Glauben übergetreten. Das war den Angehörigen wohl zu viel und zu unheimlich, so dass wir sie bei uns auf dem Gelände begraben haben.

Welchen Glauben hatten die Einheimischen?
Sie hatten eine Art Ahnenglauben. D.h., wenn einer starb, dann wurde ein Ochse geschlachtet und der Tote bekam einen Teil davon mit ins Grab. Der Totenkult in Madagaskar ist eigenartig, aber es hat auch etwas an sich. Die Angehörigen waren fest davon überzeugt, dass man dem Toten seinen Anteil am Ochsen nicht vorenthalten dürfe, da er sonst kommen und sich rächen würde. Diesen Glauben und Kult haben sie bis heute. Auch wenn sie christlich sind, es ist nicht ganz verschwunden. Der Ahnenkult ist dort so tief verwurzelt, da kann man nicht gegen an.

Wie war das für Sie, als Sie das das erste Mal miterlebt haben?
Ungewohnt. Und als wir meinten, „Sie sollen das doch sein lassen“, meinten sie, „Nein, niemals!“. Gleiches galt auch für die Beschneidung der Jungen. Wir meinten, „Ihr seid doch jetzt christlich, da braucht ihr das nicht“, aber die Einheimischen waren anderer Ansicht. Sie sagten, dass dies ihre Bräuche und Traditionen seien. Sie waren getrieben von der Vorstellung, dass die Ahnen kommen und sich rächen würden. Das ist bei denen so tief verwurzelt, es ist schwierig, daran zu kommen. Dann gilt es, das zu respektieren. Alles andere wäre furchtbar. Sie haben auch jedes Jahr ihre Toten wieder ausgegraben, um sie zu waschen. Das haben auch die Christen unter ihnen so weiter beibehalten. Dieses Ausgraben war stets mit einer feierlichen Zeremonie verbunden. Das Familiengrab ist für sie ein Heiligtum. Wenn jemandem mitgeteilt wurde, dass er nicht ins Familiengrab kommen würde, kam das einem Ausschluss aus der Familie gleich. Das war die größte Strafe.

Wie ging Ihr Leben für Sie weiter?
Nachdem ich an Malaria erkrankt war, entschloss man sich in Köln, mich zurückzuholen. Inzwischen gab es auf Madagaskar auch viele Berufene unter den Einheimischen.

Wie sind Sie zurückgekommen? Wieder mit dem Schiff?
Nein, mit dem Flugzeug.

Wie war es denn für Sie, dass erste Mal zu fliegen?
Ich war vorher schon mehrfach innerhalb von Madagaskar geflogen. Die Straßen glichen eher schlechten Wegen. Die Verkehrswege waren damals furchtbar und so kam man am schnellsten mit dem Flugzeug voran. Es gab damals viele Flugzeugverbindungen innerhalb von Madagaskar. Über Land brauchte man tagelang, um ans Ziel zu kommen. Da ging das mit dem Flugzeug deutlich schneller. Ich kann mich noch an meinen ersten Flug erinnern. Da es ein kleines Flugzeug war, war es nicht besonders komfortabel. Der Flug dauerte eine Stunde. Es war nicht aufregend.
Als ich das erste Mal zurück nach Europa geflogen bin, hat die Air France gestreikt. Anstatt bis Paris ging der Flug nur bis Rom. Dann teilte man uns mit, dass wir das Flugzeug zu verlassen hatten. Da saßen wir nun in Rom. Die haben uns einfach in Rom abgesetzt. Wir waren dort gestrandet. Wir mussten dann von morgens fünf, halb sechs bis mittags warten, bevor uns ein anderes Flugzeug nach Paris gebracht hat.

Sie haben gesagt, dass Sie an Malaria erkrankt waren. Wie ging es denn damals weiter?
Malaria tritt in Schüben, in so genannten Krisen, auf. Es ist nicht ansteckend, aber es kommt immer wieder.

Zunächst sind Sie aber von Paris nach Köln zurückgekommen …
Ja, dort wurde ich dann auch untersucht. Malaria ist nur während eines Fieberschubs nachweisbar und dann behandelbar. Der Erreger sitzt in der Leber und sorgt über das Blut für einen Fieberschub. Das nennt man dann eine Malariakrise. Nach einem halben Jahr in Köln kam ich nach Belgien. Ich wurde dort an ein kleines Krankenhaus versetzt, weil dort nur Ärzte waren, die französisch sprachen. Und so war ich 9 Jahre in Belgien. Nach den 9 Jahren wurden die Schwestern zurückgezogen und das Haus an die Gemeinde übergeben. Ich kam wieder in die Schweiz. Also zum insgesamt zweiten Mal.

Und wo sind Sie dort hingekommen?
Wieder in das gleiche Haus, in dem ich schon einmal war. Inzwischen war das Haus neu gebaut worden.

Wie war das für Sie, als Sie nach all den Jahren dort wieder hinkamen?
Es war alles noch vertraut. Überhaupt nicht fremd. Ich war von 1979 noch einmal 9 Jahre da. Dann wurden auch dort die Schwestern zurückgezogen. Da waren noch ein paar deutsche Schwestern, die zurückgingen und auch dieses Haus wurde an die Gemeinde übergeben. Von der Schweiz aus kam ich in die Eifel, nach Körperich.

Was war dort Ihre Tätigkeit?
Dort war ich in einem Altenpflegeheim tätig. Auch dort war ich insgesamt für 9 Jahre. Und von dort kam ich nach Nippes. In Nippes war ich nach an der Pforte, um Pfortendienst zu machen. Anfangs hatten wir dort noch die Armenspeisung. Dann sind wir vom alten ins neue Provinzhaus gezogen. Dort hatten wir jedoch keine Möglichkeiten mehr für die Armenspeisung, weil uns die Räumlichkeiten fehlten. Solange wir im alten Provinzhaus waren, haben wir das gemacht. Ich habe dann nur noch Pfortendienst gemacht.

Wie alt waren Sie dann inzwischen, als Sie den Pfortendienst gemacht haben?
Oh, da war ich so 94, 95 Jahre alt. Ich bin erst im letzten Jahr von dort weg.

Das heißt, Sie haben bis zu Ihrem Umzug nach Bad Godesberg an der Pforte gesessen?
Ja, habe ich. Mit einer anderen Schwester zusammen. Eine hat den Früh- und die andere den Spätdienst gemacht. Ich bin im Januar 2020 nach Godesberg umgezogen. Davor habe ich etwa ein halbes Jahr keinen Dienst mehr gemacht. Der Grund bestand darin, dass das Haus neu organisiert wurde und damit auch das Telefon. Mit der Umstellung kam ich dann nicht mehr klar und das war ungefähr ein halbes Jahr vor meinem Umzug.

Wie ist es Ihnen nach Ihrem Umzug ergangen?
Ich bin an Corona erkrankt. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Mir ging es sehr schlecht. Dann sollte ich in die Kurzzeitpflege gehen. Bei den Untersuchungen hat man festgestellt, dass ich mir bei einem Sturz einen Wirbel verletzt hatte und so bin ich dann im Pflegebereich geblieben. Die Behandlung für meinen Rücken hat mir sehr geholfen.

Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir gut! Von meinem Rücken spüre ich kaum noch etwas. Die Therapeuten haben mich sehr gut behandelt. Ich muss zwar etwas aufpassen, wenn ich mit dem Rollator unterwegs bin, aber im Großen und Ganzen geht es mir gut.

Spüren Sie denn noch etwas von Ihrer Coronaerkrankung?
Nein. Das Einzige war, das ich lange kein Mineralwasser trinken konnte. Der Geschmack war verändert. Das Wasser hat total bitter geschmeckt und ich konnte keine Süßigkeiten riechen. Aber das alles hat sich wieder gut gegeben. Inzwischen sind wir auch geimpft.

Ich mache nun noch einmal einen Sprung zurück. Sie hatten gesagt, dass es bei Ihnen in der Verwandtschaft bereits mehrere Frauen gegeben hat, die sich für ein Leben als Nonne entschieden hatten. Gab es für Sie einen besonderen Grund, warum Sie sich dafür entschieden haben Vinzentinerin, statt beispielsweise Franziskanerin zu werden?
Nein, das war mehr oder minder Zufall. Denn zu den anderen hatte ich so gut wie keinen Kontakt. Zu der damaligen Zeit kamen sie auch nicht auf Heimaturlaub nach Hause. Außerdem waren damals die ganzen Kriegsjahre, wo es generell schwierig war, Kontakt zu halten. Meine Patin, die Nonne in Amerika war, hat mir oft geschrieben. Sie hat ihre Patenpflicht trotz der Distanz sehr ernst genommen, aber natürlich auch nicht während des Krieges. Die Vinzentinerinnen habe ich erst durch die Evakuierung kennengelernt. Dort gab es Schwestern in der Nähe von Bamberg. Aber mit denen hatte ich nichts weiter zu tun. Ich bin durch die Vermittlung unseres Flüchtlingspfarrers zu den Vinzentinerinnen gekommen.

Im Laufe der Jahre und Jahrzehnte haben Sie die Vinzentinerinnen durch und durch kennengelernt. Was macht für Sie diese Gemeinschaft so besonders?
Das, was wir den Armendienst nennen. Wir sind da für die Armen. Das man rausgeht zu den Armen.
Der hl. Vinzenz wollte keine klassischen Ordensschwestern, die hinter Klostermauern leben. Er wollte Schwestern, die rausgehen. Rausgehen in die Armenviertel zu den Menschen. Daher verstehen wir uns auch nicht als Ordensschwestern im eigentlichen Sinne, sondern als Gemeinschaft. Vinzenz wollte, dass wir dorthin gehen, wo sonst keiner hingehen wollte. Diese Idee hat sich durchgesetzt – all die Jahrhunderte!

Was war Ihre persönliche Motivation, Ihr Antrieb?
Bei den Kranken zu sein und den Kranken zu helfen. Manchmal auch den Kranken zu helfen, einen guten Tod zu erleben. Sie beim Sterben nicht allein zu lassen. Gleiches gilt auch für das Altenheim und die alten Menschen. Ich kann mich noch daran erinnern, wie ich direkt nach dem Krieg zu den alten Leuten kam. Damals war alles noch recht primitiv. Und da habe ich mir gedacht: „Du möchtest, dass es gut wird für die alten Leute.“ Alte Leute waren immer wieder mein Bezugspunkt. Ich war viel bei alten Leuten und ich war sehr, sehr gerne bei ihnen. Mein Bestreben war es, den alten Menschen ein schönes Heim zu bereiten und es ihnen gemütlich zu machen. Ich wollte, dass sie sich wohlfühlen.

Da Sie nun inzwischen selbst ein stolzes Alter erreicht haben – wie erleben Sie es für sich selbst aus der Perspektive der Bewohnerin?
Natürlich ist es ein gravierender Unterschied, ob man als pflegende Schwester oder eine zu Pflegende im Altenheim ist. Da muss man sich dran gewöhnen und sich einleben. Das ist im ersten Moment eine Herausforderung. Man muss sich innerlich umstellen. Es ist eine große Umstellung. Aber irgendwann versteht man, dass man alt ist und manches nicht mehr kann. Dann muss man loslassen können.

Sie haben im Laufe der Zeit viele Wandel miterlebt. Schließungen, Einrichtungen, die von Ihnen an die Gemeinden übergeben wurden und das keine Schwestern mehr nachkommen. Wie ist das für Sie?
Das ist sehr schade. Darunter leidet man auch, dass niemand mehr nachkommt. Das alles irgendwie zerfällt und in weltliche Hände übergeht. Es tut weh, dass man immer mehr abgeben muss. Unser Bestreben ist, unsere Einrichtungen religiös zu halten – das ist jetzt noch unsere Aufgabe. Dass die Häuser religiös, also im Sinne von Vinzenz weitergeführt werden. Dass man weiter für die Armen da ist. Dass sind jetzt noch unser Gebet und unsere große Aufgabe. Dass keine neuen Berufene kommen, ist einfach nur traurig. Aber für uns ist es sehr wichtig, in unseren Häusern auch in Zukunft den vinzentinischen Geist aufrechtzuerhalten! Das Dasein für die Armen bedeutet, dass man die Menschen nicht einfach nur versorgt und pflegt, sondern dass man dies auch unter dem religiösen Aspekt tut.

Und wie – denken Sie – kann man diese Aufgabe am besten bewältigen?
Dass man mit den Leuten ist. Mit ihnen lebt. Gegenwärtig haben wir noch nicht einmal eine Kapelle, um mit denn Menschen gemeinsam ins Gebet zu gehen. Aber ich hoffe sehr, dass das bald wieder kommt. Es ist wichtig, unseren Angestellten zu vermitteln, dass das Religiöse das ist, was uns ausmacht. Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass es auch in Zukunft gilt, in diesem Sinne weiterzuarbeiten. Das ist etwas, das auch von Seiten der Vorgesetzen vorgelebt werden sollte. Das auf den Weg zu bringen, sehe ich als unsere Aufgabe. Damit der Geist des hl. Vinzenz weiterlebt. Da sollten wir alles tun, was noch für uns möglich ist.

Was möchten Sie persönlich den Menschen, die Ihre Nachfolge antreten, mit auf den Weg geben?
Dass sie den religiösen Geist bewahren sollen. Dass das, was uns ausmacht, nicht untergeht. Das man ein Haus für die Menschen führt. Dass die Leitenden und Mitarbeiter sich für die Menschen einsetzen und so handeln. Ich wünsche mir, dass sie diesen Geist weitertragen. Ich hoffe, dass das nicht weiter verflacht und man in Zukunft gar nicht mehr an den Auftrag und ans Gebet denkt. Unser Auftrag besteht darin, für die Armen da zu sein. Das man gut zu den Menschen ist. Der hl. Vinzenz hat dabei an jede Kleinigkeit gedacht – bis hin wie man den Leuten das Essen serviert. Das man die Menschen so behandelt, wie man es in einer liebevollen Familie auch macht. Die uns anvertrauten Menschen sollen menschlich behandelt werden.

Vinzenz hat uns übertragen, die Menschen zu ehren und zu achten. Den Menschen in seiner Würde zu respektieren. Das ist etwas, dass man unbedingt weitergeben muss. Es ist wichtig, dass der Mensch in seiner Würde geachtet wird! Dies gilt insbesondere auch für Menschen, die geistig und körperlich eingeschränkt sind. All dies waren die Gedanken des hl. Vinzenz. Das war ihm wichtig und heute ist es uns wichtig.

Wenn Sie heute durch das Haus gehen, wie erleben Sie das? Denken Sie, dass die Würde des Menschen geachtet wird?
Ich denke schon. Ja. Unsere Mitarbeiter sind gut. Wenn ich mich an meine Zeit in Körperich zurückerinnere – da sind die Mitarbeiter sehr gut mit den Menschen umgegangen.

Wenn Sie nun auf all die Jahre als Schwester zurückblicken. Gab es irgendetwas, dass Ihnen in dieser Zeit gefehlt hat bzw. das Sie vermisst haben?
Nein. Ich bin den Weg gegangen, den ich gehen wollte. Natürlich war es manchmal schwierig, aber ich kann nicht sagen, dass mir etwas Besonderes gefehlt hat. Das, was schwer war, waren die Versetzungen. Dieses immer wieder Neuanfangen. Aber in jedem Haus war eine Oberin, die uns eingeführt hat. Die Arbeit war immer und überall die gleiche. Insofern hat mir nichts gefehlt.

Wenn Sie heute noch einmal jung wären – würden Sie sich wieder für ein Leben als Schwester entscheiden?
Ja. Ich würde den Weg als Krankenschwester noch einmal gehen. Ich war sehr gerne Krankenschwester. Das war das, was ich werden und sein wollte. Ich bin weit rumgekommen und es hat mir nie etwas gefehlt.

Und wie war für Sie das Leben in der Gemeinschaft?
Man war aufgefordert, sich immer und immer wieder neu einzuleben. Da aber alle den gleichen Auftrag und Geist hatten, war da immer etwas, das uns alle miteinander verbunden hat.